Der letzte, ehrenhafte Kampf

- Es beginnt mit Gebeten in einer Sprache, die man nicht versteht. Aber weil das Publikum weiß, worum es hier geht, ist trotzdem sofort klar: Dies müssen sie sein, die Gotteskrieger, in den Stunden ihres mörderischen Einsatzes. Dann sprechen sie nicht mehr mit Gott, sondern miteinander, und jetzt helfen uns die Untertitel: "It's time" sagt einer, "es ist Zeit".

Die Zeit ist offenbar reif für einen Film über den 11. September. Ob man das darf, darüber wurde lange diskutiert. Jetzt ist es soweit: Paul Greengrass' Film "Flug 93" ist nur der erste in einer Reihe von Streifen, die mit dieser Thematik ins Kino kommen.

Greengrass wurde mit "Bloody Sunday" bekannt, dem Sieger der Berlinale 2002. Nicht wenige empfanden die Art, in der der Brite damals die schrecklichen Ereignisse zwischen Nordiren und Briten darstellte und die Eskalation, die zum Tod mehrerer nordirischer Demonstranten führte, als ein fragwürdiges Stück politischer Demagogie. Andere lobten die virtuose Kameraführung und den suggestiven Schnitt, die solche Fiktion fast dokumentarisch wirken ließen. Und wie so oft ist an beiden Sichtweisen etwas dran.

Daher dürften die Urteile auch über "Flug 93" weit auseinanderklaffen. Fast in Echtzeit erzählt der Film von den letzten zwei Stunden vor

dem Absturz des Flugs 93 der United Airlines. Die Maschine war vom vierten Terror-Kommando Osama Bin Ladens auserkoren worden, um ins Weiße Haus zu stürzen.

Kein differenziertes Bild gezeichnet

Aus rekonstruierten Tonbändern, Funksprüchen sowie Mitteilungen der Passagiere per Mobiltelefon und SMS weiß man, dass diese, nachdem das Flugzeug gekapert, die Piloten getötet wurden und man von den New Yorker Attentaten bereits erfahren hatte, sich in einer Verzweiflungsaktion zur Wehr setzten und versuchten, die Terroristen zu überwältigen. Sekunden später stürzte die "Flug 93" ab, das Ziel wurde verfehlt.

Weil es keine Überlebende gibt, kann man über diese letzten Sekunden und was ihnen vorausging nur spekulieren. Daher ist alles in diesem Film fiktiv. Obwohl Greengrass viel und akribisch recherchiert hat, ist alles dramatisiert.

Auch "Flug 93" ist, wie jede andere Nicht-Doku, ein Stück Welterfindung. Die Welt, die Greengrass erfindet, ist vor allem unübersichtlich. Es ist die Welt der Wetter-, Flugüberwachungs- und Armeezentralen, in der sich die am Morgen des 11. September eintreffenden Nachrichten nur allmählich zu einem großen Schrecken verdichten, der eigentlich so komplex ist, dass man gar nicht wirklich reagieren kann. Ratlosigkeit und Chaos dominieren. Das System funktioniert nicht.

Die andere Seite der Welt von "Flug 93" ist eine, in der sympathische weiße Amerikaner sitzen und, an nichts Böses denkend, einen normalen Linienflug antreten. Als sie realisieren, dass dies ein Flug in den Tod werden wird, wissen sie nach dem ersten Schock schnell, was zu tun ist. Sie verschmelzen zur Gemeinschaft und sterben im Kampf Mann gegen Mann einen Heldentod. Mit ihrem Opfer lebt der Geist Amerikas weiter. Unter ihnen gibt es keine Angsthasen und keine Feiglinge, denn alle spüren, dass sie so oder so sterben müssen, und dann wollen sie es ehrenhaft tun.

Wer dies für ein realistisches Dokument hält, ist selber schuld. Aber Paul Greengrass hat jedenfalls gelogen, als er behauptete, er zeige ein differenziertes Bild der Reaktionen der Passagiere oder ihre Diskussion sei "unsere". Das kann schon deswegen nicht wahr sein, weil sie gar nicht diskutieren, sondern tun, was männliche Hollywood-Helden eben tun: was sie müssen. Die Frage, warum wir uns das anschauen müssen, beantwortet der Film aber nicht. (Ab morgen in München: Mathäser, Isabella, Münchner Freiheit, Tivoli, Maxx, Cinema i.O.)

"Flug 93"

mit Lewis Alsamari, J.J. Johnson

Regie: Paul Greengrass

Erträglich

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