Letzte Visionen im Ballsaal

"Bobby": - Filme können Juwelen sein ­- oder Talmi. Meistens sind sie weder noch, sondern liegen irgendwo dazwischen. Mit gutem Drehbuch und exzellenter Regie, aber Schauspielern, die keiner kennt. Oder mit Superstars, die sich an einem Plot der seichtesten Sorte abarbeiten. "Bobby", der großartige Spielfilm von Emilio Estevez, hat alles.<br> Filmbericht

Ein feinfühlig aufbereitetes Drehbuch. Stars wie Sharon Stone, Demi Moore oder Harry Belafonte. Sternchen wie Lindsay Lohan, Heather Graham oder Aston Kutcher. Und renommierte Darsteller wie Helen Hunt, William H. Macy, Laurence Fishburne und Anthony Hopkins.

Letzterer spielt den scheidenden Hoteldirektor des Ambassador-Hotels in Los Angeles. Ein moderner Luxuskasten, der am Ende des Tages, den der frühere Schauspieler und jetzige Regisseur Estevez abbildet, zu trauriger Berühmtheit kommen wird. Denn an diesem 5. Juni 1968 wird abends Senator Robert F. Kennedy im Ballsaal eine Rede halten.

Eine Rede, in der er seine Präsidentschaftskandidatur bekanntgeben wird. Eine Rede, die den kleinen Menschen Mut macht und die alle Afroamerikaner und lateinamerikanischen Einwanderer auf bessere Zeiten hoffen lässt. Eine Rede, nach der Senator Robert Francis Kennedy von dem Palästinenser Sirhan Sirhan erschossen wird.

Estevez&lsquo; Kunstgriff: Kein Schauspieler übernimmt die Rolle Kennedys, Bobby bleibt als Original-Einblendung im Hintergrund. In der grandiosen Schlusssequenz verbindet Estevez das fiebrige, hysterische Chaos unmittelbar nach den Schüssen mit den heute so ungeheuer visionär anmutenden Worten, die Kennedy zuvor gesprochen hatte. Was wäre aus Amerika geworden, wenn Bobby Präsident geworden wäre? Diese Frage ist bis heute eine der meistdiskutierten der US-Geschichte. Estevez hat eine schlichte Antwort darauf gefunden, und er gibt sie mit seinen letzten, virtuosen Einstellungen.

Der Rest von "Bobby" ist ebenfalls sehenswert, wenn auch eher konventionell gefertigt -­ und manchmal einfach zu gut gemeint. Die Kraft ähnlicher Ensemblefilme Robert Altmans erreicht Estevez selten. Der Vergleich mit Vicky Baums "Menschen im Hotel" von 1932 drängt sich dagegen oft auf. Hier wie da vereint das Grand Hotel Vordertreppe und Dienstboteneingang. Oberschicht und Unterschicht sind sich selten so nahe wie in diesem Gebäude und sich auch gar nicht so unähnlich in ihren Sorgen, Nöten, Lieben und Leiden.

Bei Estevez eint die Klassen ein weiterer Aspekt ­ der Glaube an Gewaltlosigkeit, Verständigung oder Verbrüderung der Rassen und an ein baldiges Ende des Vietnamkrieges. In Gouldings "Menschen im Hotel" blieben die Frauen Greta Garbo und Joan Crawford am längsten im Gedächtnis. Auch in "Bobby" hinterlassen die Diven Stone und Moore sowie die immer formidable Hunt den stärksten Eindruck.

In den Szenen zwischen der frustrierten, vom Gatten mit einer Jüngeren betrogenen Friseurin (Stone) und der ebenso abgehalfterten, sturzbetrunkenen Sängerin (Moore) oder in denjenigen mit der kauf- und gefallsüchtigen Gattin (Hunt) gelingt Estevez ein Kunststück. Er verdichtet diese scheinbar individuellen, sogar nebensächlichen Biografien zu einem Sittengemälde der Vereinigten Staaten des Jahres 1968.

"Bobby"

mit Demi Moore, William H. Macy

Regie: Emilio Estevez

Hervorragend

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