Die letzten 24 Stunden zweier Terroristen

- Mit maximaler Effizienz sollen sie ihre Operation durchführen, erklärt der Chef der Terrororganisation. Das bedeutet für die Freunde Said und Khaled, so viele der verhassten Israelis wie möglich als Selbstmordattentäter mit in den Tod zu reißen. Egal ob Uniformierte oder Zivilisten. Doch ganz so problemlos und glorreich, wie die verblendeten jungen Männer sich ihren Kreuzzug vorstellen, wird dieses religiös motivierte Attentat nicht enden . . .

Seit Kindertagen sind Khaled (Ali Suliman) und Said (Kais Nashef) schon befreundet. Inzwischen sind sie Mitte zwanzig, arbeiten in derselben Autowerkstatt und vertrödeln gemeinsam ihre Freizeit. In kurzen, präzise akzentuierten Szenen entwirft Regisseur Hany Abu-Assad ein ganz normales Leben in Nablus. Mit Familie, Kumpels und einer neuen Freundin, mit Arbeit, Liebe, Streit und Langeweile. Alltag eben. Als die beiden auserwählt werden, um in Tel Aviv ein Sprengstoffattentat zu begehen, können sie noch eine letzte Nacht im Kreise ihrer Familie verbringen. Die dürfen nichts von ihrem Vorhaben wissen, und so geraten die unauffälligen Abschiedsszenen zu den berührendsten Momenten des Films.

Und plötzlich fragt man sich beklommen: Darf ein Regisseur das überhaupt? Darf er Menschen, die derlei grauenhafte Taten begehen, ein menschliches Gesicht verleihen? Darf er die letzten 24 Stunden im Leben zweier Terroristen zeigen?

Er darf, wenn er sich dem Thema so vorsichtig, nüchtern und abwägend nähert wie Abu-Assad. Wer sich im Kino mit Mördern beschäftigt, rutscht normalerweise irgendwann in die Rechtfertigung ab. Abu-Assad umschifft diese Klippe jedes Mal aufs Neue. Lang und quälend sind die Einstellungen, in denen Said und Khaled erklären, warum sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, als sich mit selbstzerstörerischer Gewalt gegen Israel zu wenden. Doch mit dem subtil eingesetzten Kunstgriff der Ironie bricht Abu-Assad immer wieder den Propaganda-Ton der beiden Männer. Die Stärke des Films besteht in seiner gewagten Kombination aus tragischen und komischen Elementen.

Da erscheint das Drama des palästinensischen Volkes in einem überraschend schwarzhumorigen Licht: Wenn Said etwa für sein Abschiedsvideo mit Kalaschnikow und Palästinenserschal posiert, während daneben jemand geräuschvoll Falafel isst und dann auch noch die Kamera versagt. Das erinnert mitunter schon an eine Komödie und nimmt dem ambitionierten Film dennoch nichts von seiner Ernsthaftigkeit. Dazu schildert Abu-Assad die Handlungsabläufe kurz vor dem geplanten Attentat mit zu großer Akribie.

Ganz dem Stil des Neorealismus verpflichtet

Enorme Bedeutung liegt auf physischen Details wie der Rasur, dem umständlichen Befestigen der Sprengstoffgürtel an den Körpern und schließlich den Angstschweißflecken auf den Anzügen. Ganz dem Stil des Neorealismus verpflichtet, verzichtet der Regisseur auf Musik oder psychologische Deutung. Eine Parteinahme für die zwei Palästinenser findet nicht statt. Allein dem Zuschauer bleibt es überlassen, Anteil zu nehmen, Identifikation zuzulassen oder nicht.

So kann man Saids Bekenntnisse als Denkanstoß empfinden oder als nervtötendes Geschwätz eines politisch Verblendeten ablehnen. Die verängstigten Gesichter der beiden im Angesicht des Todes sprechen eine eigene, unvergessliche Sprache.

(In München: ABC, City)

"Paradise Now"

mit Kais Nashef, Ali Suliman

Regie: Hany Abu-Assad

Hervorragend

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