Aus Liebe getötet

- Ein Hollywood-Team reist auf die Südseeinsel "Scull Island", um deren Geheimnis zu lüften. Beim Dreh stößt man auf feindselige Eingeborene, die den Riesengorilla King Kong als Gott verehren. Sie wollen ihm die Schauspielerin Ann, die einzige Frau, die das Team begleitet, opfern. Darum entführen sie Ann nachts heimlich vom Schiff. Tatsächlich taucht der Affe auf, doch tötet er Ann nicht, sondern behandelt sie fürsorglich und schützt sie in vielen Kämpfen gegen furchterregende Urwelttiere wie Saurier und Drachen.

Indem sie die Liebe Kongs zu Ann ausnutzen, gelingt es den Filmleuten, den Affen nach New York zu entführen, wo er von der Unterhaltungsindustrie als "achtes Weltwunder" vermarktet wird. Dort befreit sich Kong, kidnapped Ann erneut und wird von der US-Luftwaffe in einem sagenhaften Showdown auf dem Empire State Building getötet.

Man hatte "King Kong" bislang ein wenig vergessen, scheint doch der Film von Ernest B. Schoedsack und Merian C. Cooper gegenüber anderem aus der Glanzzeit des frühen Tonfilms, gegenüber Langs Thrillern, Chaplins Komödien, Renoirs Melodramen und Riefenstahls Propagandakino, in der oberflächlichen Erinnerung vergleichsweise banal. Aber als "King Kong" 1933 das Licht der Filmwelt erblickte, war dies eine Offenbarung: ein Blockbuster, Liebesmelodram und Katastrophenfilm, Horror, Thriller und Abenteuermovie in einem, prallvoll mit nie gesehenen Tricks, zugleich voller Poesie und Tiefgang.

Denn vieles liegt in diesem Stoff: die klassische Geschichte von der Schönen und dem Biest, eine ungleiche, einseitige Liebe über Grenzen von Klasse, Rasse und Natur. Abgesehen von der Metapher über das Verhältnis von Zivilisation und Natur hatte dies - ein großer schwarzer Affe entblättert eine weiße, blonde Frau - 1933 auch einen rassistischen Unterton.

Sieht man den alten Film heute wieder - gerade kam er erneut ins Kino -, ist man auch erstaunt über die Deutlichkeit, mit der politische Themen der damaligen Zeit angesprochen werden: Dynamik und Psychologie der modernen Massengesellschaft, die wirtschaftliche Depression und die daraus folgende Sehnsucht nach einer Utopie, gespiegelt durch das gedankliche Spiel mit dem eigenen Untergang, durch die mehrfach aufscheinende, unterbewusste Sehnsucht nach einer großen Katastrophe.

Klar analysiert der Streifen auch die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie: Immer wieder sieht man den Filmemachern beim Filmen zu. Und bis heute atemberaubend ist die Szene, in der Ann noch vor Erreichen der Inseln die verschiedenen Stadien der Angst bis hin zum nackten Entsetzen für Probeaufnahmen simuliert - die sie später tatsächlich in den Händen Kongs empfinden wird. Eine Entlarvung des Kinos. Und bezeichnenderweise eine der wenigen Szenen, die Peter Jackson aus seinem Remake komplett entfernt hat.

Die kühle Klassizität des Originals

Jackson verfilmt das Original nun fast buchstabengetreu. Kaum etwas fügt er der Handlung hinzu. Ein paar andere Akzente. Zum Beispiel wird das Filmteam um Regisseur Carl Denham (Jack Black mit Orson Welles-Touch) als heruntergekommen gezeichnet - Independentfilmer sozusagen. Solches sind aber nur Nuancierungen, die den Stoff nicht wirklich verändern, in diesem Sinn "nichts bringen". Dass Jacksons "King Kong" mit drei Stunden, acht Minuten nun mehr als doppelt so lang ist, liegt daran, dass er in allen Einzelheiten ausmalt, was einst nur angedeutet war, dass er Ornament um Ornament, Manierismus um Manierismus hinzufügt, bis vom eigentlichen Kern kaum noch etwas sichtbar ist.

Gegenüber der kühlen Klassizität des Originals, seiner Unschuld auch, ist Jacksons "Kong" gewissermaßen Rokoko: lauter Schnörkel, bunte Farben, hier ein Einfall, dort eine Verspieltheit. Zudem bricht der bereits in drei "Herr der Ringe"-Folgen mehr und mehr spürbare Hang zur reinen Quantität, zum Fetischismus der schieren Masse hier völlig ungefiltert durch. Der berühmte Kampf Kongs mit einem Tyrannosaurus Rex wird zwar pedantisch nachgestellt, doch hinzu kommt noch eine viertelstündige Szene, in der es Kong mit vier T-Rexen auf einmal zu tun hat. Als ob der eine nicht genug wäre. So ist Jacksons "Kong" disparat: gleichzeitig eine epigonale Hommage und ein Beispiel für eiskalte Blockbuster-Ödnis, die nur das Größer, Länger, Teurer kennt. Wirklich großartig ist aber allein Naomi Watts als weiße Frau Ann.

1976 gab es schon ein Remake, das "Kong" in die Gegenwart der 70er übertrug. Jessica Lange begann als "weiße Frau" ihre Karriere.

Nun also Peter Jackson. Er verlagert die Vorlage nicht in unsere Gegenwart. Doch wenig ist aktueller als solche Flucht ins Zeitlose, ins vermeintlich Vergangene. Gerade sie ist eine der versteckten Botschaften des Films. Eine zweite ist die freundliche Zeichnung des Affen und die rassistische der Ureinwohner - zwei einander ergänzende Spielarten unserer Naturwahrnehmung. Zumindest in seiner Unschuld und Unbefangenheit bleibt der "King Kong" von 1933 auch nach Peter Jacksons Film ein unübertroffener Meilenstein, zugleich eine zeitlose Parabel auf unser aller Angst vor dem Unbekannten. Jackson liebt dieses Original. Aber auch aus Liebe kann man töten. (Ab morgen im Kino.)

"King Kong"

mit Naomi Watts, Jack Black

Regie: Peter Jackson

Erträglich

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Diese Länder bekamen die meisten Oscars
Los Angeles - Zum 60. Mal wird diese Woche der Oscar für den besten fremdsprachigen Film verliehen. Eine Auswertung zeigt, wer die erfolgreichsten Länder sind - und wer …
Diese Länder bekamen die meisten Oscars
Oscars 2017: So tickt Moderator Jimmy Kimmel
Los Angeles - US-Comedian Jimmy Kimmel wird die Oscars 2017 moderieren. Wir stellen den Gastgeber mit deutschen Wurzeln und eigener Late-Night-Show vor.
Oscars 2017: So tickt Moderator Jimmy Kimmel
Oscars 2017: Die Favoriten und Prognosen
Los Angeles - Am Sonntag werden in Los Angeles zum 89. Mal die Oscars verliehen. Hier erfahren Sie alles über die diesjährigen Favoriten, alle Nominierungen und unsere …
Oscars 2017: Die Favoriten und Prognosen
Kleiner Löwe im Großstadtdschungel: Filmkritik zu „Lion“
Der fünfjährige Saroo (Sunny Pawar) lebt in ärmsten Verhältnissen im Norden Indiens. Während die Mutter Steine klopft, fahren er und sein großer Bruder Guddu zur …
Kleiner Löwe im Großstadtdschungel: Filmkritik zu „Lion“

Kommentare