Liebe im Krebsgang

- Am Anfang ist Überraschung - und Geheimnis. Eben gerade noch hat man das Paar vor dem Scheidungsrichter gesehen, nun gehen sie Hand in Hand auf ein Hotelzimmer. Und ins Bett. Nachscheidungssex, davon hat man schon gehört, doch dieses Zusammensein ist so intim und gleichzeitig (darum?) so brutal, dass diese wenigen Momente alles über die Beziehung zu verraten scheinen, die gerade zu Ende ging. Am Ende der Szene fällt die Tür ins Schloss: aus, vorbei. Und doch war das erst der Anfang.

<P>Die Konstruktion von "Fünf mal zwei" klingt komplizierter, als sie im Kino erscheint: François Ozon, der Meister solch ausgeklügelter Vexierspiele wie "Swimmingpool" oder solch subtiler Dramen wie "Unter dem Sand", erzählt eine Geschichte von hinten. Die Liebe zwischen zwei Menschen in fünf Szenen, die fünf Stationen sind. Jede funktioniert für sich, jede hat ihren eigenen Wert. Im Krebsgang wird der Zuschauer vorrücken bis zu jenem Moment, an dem die beiden flüchtigen Bekannten, die sich gerade in einem Urlaubsort wiedergetroffen haben, zum ersten Mal gemeinsam baden gehen.</P><P>Ein typisches Happy End steht also auch hier am Ende - nur mit dem Unterschied, dass wir Zuschauer wissen, was kommt. Vieles wirkt in diesem Rückblick wie eine bittere Komödie. Bitter, weil wir das Ende nicht vergessen können und weil nicht immer schön ist, was da passiert. Komödie, weil der Film mit jeder Szene atmosphärisch leichter wird, bis man in der vorletzten die Hochzeit sieht, in der letzten das Kennenlernen.</P><P>Ozon, das ist der große Reiz dieses Films, verrät uns hier alles über unseren eigenen Blick, darüber wie die Perspektive die Wahrnehmung bestimmt. Noch im glücklichsten Augenblick suchen wir den Keim des zukünftigen Scheiterns. Und finden ihn. Denn in jeder der fünf Szenen passiert etwas Unerwartetes, Überraschendes, Geheimnisvolles. Und jede hinterlässt Irritation, Unsicherheit: Einmal ist klar, dass der Ehemann lügt, aber man weiß nicht, welcher Teil seiner Erzählung unwahr ist. Und mehr als einmal rätselt man über die Motive der Figuren: Warum geht Marion (Valeria Bruni-Tedeschi) schon in der Hochzeitsnacht fremd? Warum kneift Gilles (Stéphane Freiss) bei der Geburt seines Sohnes? Jeder Zuschauer hat hier seine eigene Erklärung, die mehr über ihn als über den Film verrät.</P><P>Ozon ist, wie sein großes Vorbild Fassbinder, vor allem ein Frauenregisseur. Das merkt man auch hier an der liebevollen Inszenierung seiner Hauptdarstellerin. Valeria Bruni-Tedeschi ist mit ihrer Präsenz, ihrer Vitalität für sich Grund genug, diesen Film zu lieben. Auch Stéphane Freiss könnte in der immer spürbaren Labilität hinter der Kraft, in der Kombination aus gutem Aussehen und Gewalt, einem Fassbinder-Film entstiegen sein.</P><P>Die emotionale, psychische Intensität, die Aufmerksamkeit für kleinste Schwingungen zwischen den Figuren und die Präzision der Inszenierung erinnern allerdings eher an Ingmar Bergman - nicht nur wegen der offenkundigen Nähe zu "Szenen einer Ehe". Der Einfall retrospektiven Erzählens stammt übrigens nicht von Ozon. Harold Pinter verfuhr so schon in "Betrayal", zuletzt Gaspar Noe in "Irréversible". Sonderbarerweise verliert diese Konstruktion nie ihre Spannung. Sie wird eher noch größer. Und der Zuschauer wird zum Detektiv der Liebe: Wo ist diese gescheitert? War alles von Anfang an ein Irrtum?</P><P>"Fünf mal zwei"<BR>mit Stéphane Freiss, Valerie<BR>Bruni-Tedeschi, Géraldine Peilhas<BR>Regie: François Ozon<BR>Hervorragend </P>

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