Liebe und Lachen

- Überraschend schwungvoll ist die Stimmung. Denn die federnde Country-Musik passt eher auf eine Tanzfläche, weniger zu einem Film, der von der Einsamkeit und dem emotionalen Vakuum einer Frau erzählt, die von ihrem Mann verlassen wurde. Regisseurin Franziska Meletzky setzt Kontrapunkte und vermeidet es so, in allzu tiefe Depression zu verfallen. "Nachbarinnen" ist ihr Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam, und ihr Thema ist ernst, aber nicht so ernst, dass es nicht auch etwas zu lachen gäbe. Denn genau darum geht es ja: dass man sich am Ende wieder freuen kann.

Verschlossen lebt Dora (Dagmar Manzel) in ihrer Leipziger Plattenbauwohnung, sie hat sich eingerichtet in ihrem Selbstmitleid, eine spießige Welt zwischen Kaktuszucht und Möbelpolitur um sich herum aufgebaut. Wunderbar spielt Dagmar Manzel diese Frau. Es ist ihre erste Kino-Hauptrolle, tauchte sie in "Crazy", "Nach fünf im Urwald" oder "Schtonk" nur am Rande auf.<BR><BR>Mit Trotz und Wut versieht Manzel ihre Dora, raunzt die Nachbarn an, nie wirklich ist sie zum Lachen aufgelegt. Und doch irgendwie komisch. Mit kontrollierter Routine betreibt sie etwa ihren Agressionsabbau, zerschlägt seelenruhig gelegentlich ein paar Gläser. Eines Nachts steht Nachbarin Jola (Grazyna Szapolowska) vor der Tür, verzweifelt, verletzt und erzählt etwas von einem Pistolenschuss, von Blut und einem Toten. Zunächst widerwillig versteckt Dora die Polin vor der Polizei. Schnell findet sie jedoch Gefallen an der neuen Zweisamkeit, obwohl Jola sie da trifft, wo Dora am verletzlichsten ist.<BR><BR>"Nachbarinnen" ist ein Film über die Vergangenheit, über die Wiederkehr des Gewesenen und über dessen Verarbeitung. Irgendwann hat sich Dora in Jola verliebt. Irgendwann geht diese Liebe in Egoismus über und in Kampf. Und irgendwann kann Dora wieder lachen. <BR><BR>(In München: Inselkinos.)<BR><BR>"Nachbarinnen"<BR>mit Dagmar Manzel, Grazyna Szapolowska<BR>Regie: Franziska Meletzky<BR>Sehenswert <P><BR> </P>

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