Liebe und Schmerz

"Keine Sorge, mir geht's gut": - Familiendrama, zarte Liebesgeschichte und packender Thriller: All das ist "Keine Sorge, mir geht's gut" des Franzosen Philippe Lioret. Erstaunlicherweise passt das alles zusammen und ergibt einen stimmigen, mitreißenden Film. Vordergründig geht es um die Sinnkrise der jungen Lili (Mélanie Laurent). Als die aus den Schulferien nach Hause kommt, ist ihr Zwillingsbruder verschwunden.

Nach einem Krach mit dem Vater ist er offenbar wortlos davon und hat sich nicht gemeldet - aber der komme schon wieder.

Lili allerdings glaubt, dass ihrem Bruder etwas zugestoßen sei und hört auf zu essen. Bald landet sie in einer Klinik für Magersüchtige. Erst als der Bruder überraschend Postkarten schickt, erholt sich Lili.

Sobald es ihr besser geht, sucht sie ihren Bruder und folgt der Spur der Poststempel. Dazwischen ärgert sie sich über ihre ignoranten Eltern und treibt ihren stoischen Verehrer Thomas (Julien Boisselier) mit ihrer Egomanie beinahe zur Verzweiflung. Eine alltägliche Geschichte also, aber welche Kraft Lioret in seine ruhigen Bilder legt, wie er fast unmerklich die großen, letzten Fragen des Lebens aufwirft, das ist schlichtweg atemberaubend. Lioret inszeniert Lilis Weg vom Mädchen zur Frau leise, aber eindringlich als Entwicklungsroman, in dem eine heilsame Katastrophe den Wendepunkt markiert.

Präzise und mitfühlend analysiert Lioret dabei, was eine Familie eigentlich zusammenhält. Manches von dem, was Lioret zeigt, ist schmerzhaft, eben weil es so genau eingefangen ist: die dröge Routine, die schleichende Entfremdung von den Eltern. Nach und nach stellt sich heraus, dass wirklich nichts so ist, wie es aussieht.

Die Eltern Spießer, die Tochter aufrechte Rebellin - so einfach ist das alles doch nicht. Was die Eltern für sie opfern und wie viel Liebe sie aufbringen, um die Familie zu retten, das erahnt Lili erst am Schluss. Die ganze Wahrheit erfährt sie ohnehin nie. Wahrheit und Liebe sind nicht immer vereinbar. Ein großes, aufrichtiges und kluges Meisterwerk über die beiden unendlichen Dinge des Lebens: die Liebe und den Schmerz.

"Keine Sorge, mir geht‘s gut"

mit Mélanie Laurent, Kad Merad

Regie: Philippe Lioret

Hervorragend

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