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Audrey Tautou.

Interview: "Liebe ist spannender als Mode"

Als Hauptdarstellerin in "Die fabelhafte Welt der Amélie" verzauberte sie vor acht Jahren die Kinofans. Zuletzt sah man Audrey Tautou in den Bestseller-Verfilmungen "The Da Vinci Code - Sakrileg" und "Zusammen ist man weniger allein".

Nun verkörpert sie die Titelrolle in "Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft", der am Donnerstag in den Kinos startet. Mit ihrer knabenhaften, zierlichen Figur, dem markanten Kinn und den großen, dunklen Kirschenaugen sieht Audrey Tautou der legendären Modeschöpferin verblüffend ähnlich. Im Gespräch wirkt die 33-jährige Französin sehr charmant, bescheiden und bodenständig.

Seit drei Jahren hat man nichts mehr von Ihnen gehört. Sind Sie etwa um die Welt gesegelt? Oder Mutter geworden?

Nein, nein. Ich habe einfach eine Drehpause eingelegt und viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbracht; ich bin herumgereist und habe Zeichenunterricht genommen - das war schon lange ein Traum von mir. Die Zeit verging wie im Flug, und ich habe meine Freiheit sehr genossen. Nur mein Vater machte sich langsam Sorgen um meine Zukunft. Zu seiner großen Freude hat das Coco-Chanel-Projekt meine Leidenschaft für die Schauspielerei wieder neu entfacht.

Was hat Sie an der Mode-Ikone besonders fasziniert?

Ihr Geschmack. Ihr unbestechlicher Blick. Ihre Geradlinigkeit. Und vor allem ihr Mut, gegen die Konventionen zu kämpfen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts die Frauen gelähmt haben. Coco Chanel wollte für Frauen sämtliche Freiheiten durchsetzen, die für Männer längst selbstverständlich waren: ein erstaunlich moderner Wunsch für eine Frau ihrer Zeit - und erst recht für ein Waisenmädchen aus der tiefsten Provinz.

Was können heutige Frauen von ihr lernen?

Dass man sich den Männern nicht unterwerfen muss. Und dass man unabhängig von seiner Herkunft sehr viel erreichen kann, wenn man sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Mögen Sie ihren Stil?

Ja, ich mag die schlichte Eleganz ihrer Mode. Coco Chanel hat die Frauen im wörtlichen und im übertragenen Sinn vom Korsett befreit - sie wollte frei atmen und sich frei bewegen. Und sie hat erkannt, dass Eleganz nichts mit teuren Stoffen oder Juwelen oder tausend Accessoires zu tun hat: Eleganz kommt von innen heraus. Sie ist eine Frage der richtigen Lebenseinstellung.

Wie wichtig ist Mode für Sie?

Ehrlich gesagt: Sie interessiert mich nicht besonders. Liebe finde ich zum Beispiel viel spannender als Mode. Ich bin nicht ständig auf der Suche nach dem letzten Schrei - der ändert sich ja sowieso alle paar Monate. Ich stehe gern ein bisschen außerhalb der Herde. Ich gehe auch selten shoppen - und wenn, dann am liebsten allein. Denn bei mir muss es schnell gehen. Und ich brauche auch niemanden, der mir sagt, was mir steht.

Abgesehen von Äußerlichkeiten: Was haben Sie mit Coco Chanel gemeinsam?

Das Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit. Vielleicht verbindet uns auch, dass ich ähnlich wie sie meinem Instinkt vertraue, Menschen genau beobachte und ziemlich schnell ihre wahren Absichten durchschaue. Coco Chanel konnte man nicht blenden; sie hat Heuchelei und Oberflächlichkeit sofort erkannt. Und ebenso wie sie versuche ich auch, mir selbst und meinen Prinzipien treu zu bleiben.

Sie hat über sich gesagt: "Ich weiß nicht genau, was ich will, aber sehr wohl, was ich nicht will." Trifft das auch auf Sie zu?

Ja. Ich hatte nie einen Karriereplan und auch nie den Drang, berühmt zu werden. Als ich diesen Berufsweg eingeschlagen habe, wusste ich nur eines: Ich wollte auf keinen Fall in einer zugigen Zehn-Quadratmeter-Kammer zitternd neben dem Telefon sitzen und darauf warten, dass mir jemand einen Gastauftritt in einer armseligen TV-Serie anbietet. Wenn es mit der Schauspielerei nicht geklappt hätte, dann hätte ich einfach etwas anderes probiert. Und ich drehe nur Filme, die ich wirklich machen will; ob mir das Ruhm und Ehre einbringt, ist mir dabei völlig schnurz. Zum Glück kann ich mir das leisten - dank des Erfolgs von "Amélie"! Der Rummel um meine Person war damals ein ziemlicher Schock für mich, aber er hat mir auch viele Türen geöffnet.

Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen und Coco Chanel?

Ihre Härte. Sie hatte ja durchaus etwas Hochnäsiges, Autoritäres und Verbissenes. Um mich dieser Unerbittlichkeit anzunähern, musste ich wochenlang Wut im Herzen tragen und meine eigene Sanftheit und Zärtlichkeit unterdrücken. Ich fand das so anstrengend, dass ich irgendwann das Ende der Dreharbeiten herbeigesehnt habe: Es war sehr hart für mich, so hart zu sein! -

Weil sie sich ihrer Herkunft schämte, hat Chanel viele Lügengeschichten über sich erzählt und ihre eigene Biografie immer wieder neu erfunden. Können Sie auch so gut lügen?

Nein. Ich fühle mich dann immer gleich schuldig. Wenn ich die Unwahrheit sage, merkt das sofort jedes Kind. Ich bin wirklich eine miserable Lügnerin!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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