Liebe in Zeiten des Infernos

- Während die Generation der Eltern ihre pubertäre Leidenschaft noch im Demonstrieren gegen Kernkraft und den Kalten Krieg abarbeitete, laden sich ihre Sprösslinge heute lieber Musiktitel vom Internet auf die Festplatte und sind an politischer Auseinandersetzung kaum mehr interessiert. In diese eher lethargische Stimmung in puncto Atomkraft knallt Gregor Schnitzlers Spielfilm "Die Wolke" wie eine Bombe.

Die gleichnamige Buchvorlage stammt von Gudrun Pausewang, die unter dem Eindruck des Super-GAUs in Tschernobyl 1986 ihr Jugendbuch über eine Reaktorexplosion in Deutschland verfasste. Was passieren könnte, wenn ein Atomkraftwerk auf heimischem Boden in die Luft fliegt, war vor Tschernobyl irrelevant für die breite Masse und ist es heute wieder.

Da erscheinen Regisseur Gregor Schnitzler ("Was tun, wenn's brennt?") und Drehbuchautor Marco Kreuzpaintner mit ihrer modernisierten Pausewang-Variante gerade recht zur politischen Bewusstseinsbildung einer neuen Generation. Denn das in seiner Eindringlichkeit zwar erschütternde, aber eben auch sehr moralinsaure, belehrende Jugendbuch hat Kreuzpaintner sehr geschickt verändert und an den richtigen Stellen entschlackt. Es werden deutlich weniger "Atomkraft? Nein Danke!"-Sentenzen zum Besten gegeben, und die altkluge Sprache, mit der die ehemalige Lehrerin Gudrun Pausewang ihre jungen Helden sprechen ließ, ist einem authentisch wirkenden Jargon und Humor gewichen.

Aus dem 16-jährigen Mädchen Janna-Berta wurde eine flotter klingende Hannah (Paula Kalenberg), die mit ihrem kleinen Bruder Ulli vor der radioaktiven Wolke durchs hessische Hügelland flieht. Die große Liebe, der Janna-Berta erst am Ende ihrer verzweifelten Odyssee durch das Inferno begegnet, findet Hannah bereits kurz vor dem GAU in ihrem Klassenkameraden Elmar (Franz Dinda). Überhaupt bildet die Liebesgeschichte zwischen Hannah und Elmar nun den eigentlichen roten Faden der Handlung, und die atomare Katastrophe samt Panik und Massensterben ist zuweilen fast nur noch Arabeske dieser jugendlichen Love Story.

Dass sich Elmar im Buch nach dem Störfall das Leben nimmt, wirkte auf Kreuzpaintner wohl zu pessimistisch. Bei genauerem Betrachten allerdings erscheint der Kunstgriff, sich im Film mehr auf das Zwischenmenschliche des Unglücks zu konzentrieren, als sinnvoll und nicht nur als Zugeständnis an die weniger politisch bewanderten Jugendlichen von heute. Die Botschaft des Films ist vorhersehbar und von Schnitzler mitunter sehr schonungslos in Szene gesetzt. Manche der dokumentarisch anmutenden Bilder muss man aushalten können, und manche dürften kleinere Kinder arg verstören.

Schnitzlers Stärke liegt weniger in den dramatischen Massenszenen, sondern vorwiegend in den scheinbaren Nebenschauplätzen, die aber die psychischen Beschädigungen der Figuren erst wirklich zeigen. Mit viel persönlichem Engagement und Leidenschaft sind Regisseur, Autor und die Schauspieler hier zu Werke gegangen. Heraus kam ein großartig gemachter, schauspielerisch rundherum überzeugender Politthriller von enormer Wucht, der zum Nachdenken zwingt über Verantwortung und Mitgefühl.

(In München: Mathäser, Maxx, Royal, ABC, Rio.)

"Die Wolke"

mit Paula Kalenberg, Franz Dinda

Regie: Gregor Schnitzler

Sehenswert

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