+
Ludivine Sagnier als Lily, die an einer Persönlichkeitsstörung leidet (rechts). Und Ludivine Sagnier, eine unkomplizierte Künstlerin (links).

Lieber glücklich als eine Legende

München - Zum Start ihres neuen Kinofilms sprach Schauspielerin Ludivine Sagnier mit dem Münchner Merkur über „Barfuß auf Nacktschnecken“, Sexsymbole und tote Tiere.

Berühmt wurde sie mit zwei Filmen von François Ozon: In „8 Frauen“ spielte Ludivine Sagnier ein burschikoses Nesthäkchen, in „Swimming Pool“ brachte sie als nymphomane Femme fatale die Leinwand zum Brodeln. Seitdem war sie etwa in der Titelrolle von Claude Chabrols Thriller „Die zweigeteilte Frau“ oder als unschuldige Fee in P.J. Hogans „Peter Pan“-Adaption zu sehen – der bisher einzige Hollywood-Ausflug der 31-jährigen Französin. Anlässlich der Deutschlandpremiere ihres neuen Films „Barfuß auf Nacktschnecken“, der am Donnerstag anläuft, trafen wir das pfiffige, 1,60 Meter kleine Energiebündel in Berlin zum Gespräch.

Lily, die junge Frau, die Sie in „Barfuß auf Nacktschnecken“ spielen, leidet an einer außergewöhnlichen Persönlichkeitsstörung. Wie haben Sie sich dieser heiklen Rolle genähert?

Als ich das Drehbuch las, dachte ich: Oh là là, das wird schwierig – vielleicht sollte ich mich mal mit einigen Patienten in psychiatrischen Anstalten unterhalten! Doch das hat mir Regisseurin Fabienne Berthaud verboten: Sie wollte nicht, dass ich jemanden imitiere; sie wollte jede Art von aufgesetzter „Schauspielerei“ vermeiden. Stattdessen sollte ich die Figur ganz aus mir selbst heraus verkörpern.

Steckt denn viel von Lily in Ihnen?

Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber von allen Rollen, die ich bisher gespielt habe, scheint mir diese Figur am nächsten. Kaum je hatte ich so sehr das Gefühl, ich selbst sein zu dürfen. Denn auch ich bin ein fröhlicher und frecher, extrovertierter und ehrlicher Mensch, der seine Freiheit liebt – wenn auch nicht im selben Maße wie Lily. Sagen wir so: Der Film hat mir erlaubt, gewisse Seiten von mir extrem auszuleben.

Sind Sie auch mit Tieren aufgewachsen wie Lily? Im Film hantieren Sie ganz selbstverständlich mit toten Ratten, küssen einen Truthahn und lassen Schnecken oder Ameisen über Ihren Körper kriechen und krabbeln…

Ja, aber das ist mir sehr schwergefallen, weil ich den Umgang mit Tieren überhaupt nicht gewohnt war. Wenn man eine Rolle annimmt, dann muss man natürlich auch die Konsequenzen tragen und Dinge tun, die man sonst gar nicht gern macht – zum Beispiel nackt agieren oder tote Tiere berühren. Ich liebe solche Herausforderungen: Es ist faszinierend, wenn man vor der Kamera plötzlich die Kraft findet, über sich selbst hinauszuwachsen.

Haben Sie Ihre Scheu vor Tieren nun überwunden?

Leider nein! Als kürzlich eine Nacktschnecke in meiner Küche war, konnte ich sie partout nicht anfassen und raustragen – das musste mein Mann erledigen. Er lachte mich aus und meinte, nach dem Film müsste ich doch Expertin sein. Aber ich war wie gelähmt. Als Lily hatte ich keine Probleme mit den Viechern, als Ludivine hingegen schon.

Streifen Sie Ihre Rollen nach Drehschluss ab?

Das hängt von der Figur ab. Wenn ich eine Killerin spiele, versuche ich, sie so schnell wie möglich zu vergessen. Doch Lily fand ich so inspirierend, dass ich sie gern mit nach Hause genommen habe. Darum war ich während des Drehs auch viel verspielter im Umgang mit meinen beiden Töchtern.

Sind Sie eine strenge Mutter?

Ja, ich denke schon. Das sollte man auch sein, finde ich.

Nach „Swimming Pool“ wurden Sie als neues Sexsymbol gefeiert…

Ja, und das hat mich furchtbar genervt! Sobald ich mich irgendwo vorstellte, hieß es: „Ah, Sie sind doch die Aktrice, die sich so gern auszieht.“ Wenn die Leute wüssten, wie sehr ich leide, wenn ich nackt spielen muss! Nach „Swimming Pool“ bekam ich einen Haufen Angebote aus Hollywood – aber es waren nur Schrottrollen: die Sexbombe, das blonde Dummchen… Ich musste das alles ablehnen.

Hatten Sie Angst, wie Marilyn Monroe oder Brigitte Bardot zu enden?

Ja! Jung und unglücklich zu sterben oder einsam und verbittert dahinzuvegetieren – das scheinen mir beides keine erstrebenswerten Alternativen zu sein. Mir ist ein erfülltes Privatleben viel zu wichtig, als dass ich es für meinen Beruf opfern würde. Ich bin lieber glücklich als eine Legende! (Lacht.)

Ihre Kollegin Cher hat mal gesagt, um eine richtig gute Schauspielerin zu sein, müsse man ein psychologisches Problem haben. Welches ist Ihres?

Lustigerweise habe ich früher ähnlich gedacht wie Cher – bis ich mit 20 die von mir verehrte Leinwand-Ikone Gena Rowlands traf. Ich gestand ihr, ich hätte Angst, dass mir die nötigen Voraussetzungen für den Schauspielberuf fehlten, weil ich in meinem Leben nicht genug gelitten hätte. Doch sie sagte: „Glaube mir, Schätzchen, das Leben wird sich schon um dich kümmern und dir genügend Knüppel zwischen die Beine werfen. Du wirst keine Probleme haben, alle möglichen Emotionen in dir abzurufen – ob du willst oder nicht.“ Nun, etwa zehn Jahre später, muss ich sagen: Sie hatte Recht!

Das Gespräch führt Marco Schmidt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
München - John Hamburgs „Why him?“ variiert fantasielos das Duell Schwiegervater-Schwiegersohn.
Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
München - „Hell or High Water“ ist ein höllisch unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel im modernen Wilden Westen.
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
München - Roger Spottiswoode verfilmte den Bestseller „Bob, der Streuner“ angenehm kitschfrei.
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung
München - „La La Land“ ist eine gesungene und getanzte Liebeserklärung an das Leben, die Leidenschaft und Los Angeles.
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung

Kommentare