Liebesleid im Doppelpack

- Pessimismus oder Optimismus: Welche Haltung ist dem Leben gegenüber angebracht? Und was will man lieber auf der Leinwand sehen, einen Witz oder eine Katastrophe? Mit einem Streit über solche Fragen - vier Freunde essen in einem Restaurant zu Abend, Rotwein erhitzt das Gespräch - beginnt Woody Allens neuer Film und lässt dann die Visionen der Streithähne auf der Leinwand sichtbar werden.

"Melinda und Melinda" erzählt gleich zweimal von den Liebesleiden einer jungen Frau, einmal als Tragödie und einmal als Komödie. Letztere wirkt allerdings, wie bei Woody Allen nicht anders zu erwarten, oft tragischer, die Tragödie komischer als die jeweils andere Version. Beide Geschichten sind in typischem Allen-Milieu angesiedelt. Einmal ist Melinda Alkoholikerin und selbstmordgefährdet, Versagerin unter lauter Erfolgsmenschen, die sich allerdings bei genauerem Hinsehen als nicht so erfolgreich entpuppen. Auch im zweiten Fall bringt Melinda als neue Nachbarin versteckte Konflikte zum Ausbruch - und verliebt sich in einen Schauspieler.Begleitet von Strawinsky und Bartó´k im tragischen und von Ellington im komischen Teil, bietet Allen einen Einblick in die Absurdität und Zufälligkeit des Lebens. Dabei handhabt er die Parallelen nie schematisch. Am Ende ist das Fazit zwar nicht wahnsinnig originell (es liege alles "im Auge des Betrachters"), trotzdem ist "Melinda und Melinda" der beste Film Woody Allens seit langem. Nicht so flach und dialoglastig wie seine letzten Werke, sondern geistreich und ironisch, eine Dramatisierung des künstlerischen Schaffensprozesses und eine Reflexion über das Dilemma, das Allen seit jeher umtreibt - seine Filme sind schließlich immer beides, Komödie und Tragödie.Erstaunlich, wie es Allen auch nach 50 Filmen gelingt, sich neu zu erfinden und sein Publikum zu überraschen. Zudem gefallen die guten Darsteller.Die Besonderheit dabei ist die Australierin Radha Mitchell in ihrer Doppelrolle der schusselig-liebenswerten Melinda. Sie muss den Film tragen, und dies gelingt ihr leicht. In einigen komischen Augenblicken wirkt sie wie eine Neuauflage von Michelle Pfeiffer. Auch Chloë¨ Sevigny überzeugt als reiche "Park-Avenue-Prinzessin" im Yuppie-Milieu. Am Ende verlässt man das Kino gut gelaunt und ein bisschen zerstreut. Als hätte man selbst gerade ein Abendessen mit alten Freunden und etwas zu viel Rotwein hinter sich. (In München: Filmcasino, City, Atlantis i.O., Cinema i.O.)>> alle Filme, alle Kinos auf einen Blick bei munich online 

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