Literaturverfilmung: Hohe Schauspielkunst

München - Martin Walser schrieb 1978 seine Novelle "Ein fliehendes Pferd". Der Regisseur Rainer Kaufmann hat den Stoff nun für die Leinwand adaptiert. Sein Film kommt heute in die Kinos.

Eine "rasch wegzischende Sommerarbeit" nannte Martin Walser seine Novelle "Ein fliehendes Pferd". Sie entstand in einer Phase der "geradezu überschäumenden Produktivität", gleichsam als Nebenprodukt des weitaus umfangreicheren und letztlich doch wesentlich weniger bedeutenden Romans "Seelenarbeit".

Klar strukturiert, in kürzester Zeit aus dem Ärmel geschüttelt und vermutlich gerade deswegen so stringent auf die unerhörte Begebenheit zugeschnitten, die in einer Novelle nun einmal aufzuscheinen hat. Walser erzählt locker-leicht und geradeheraus vom plötzlichen Wiedersehen zweier alter Schulfreunde. Beide mittlerweile verheiratet, beide im Urlaub am Bodensee unterwegs. Über 20 Jahre lang haben sich die Männer nicht mehr gesehen. Und zumindest Helmut Halm, ein Stuttgarter Lehrer, hat den lärmenden Egozentriker Klaus Buch, mit der attraktiven Helen an seiner Seite, nicht eine Sekunde vermisst. Er empfindet die Anwesenheit des anderen Paares als Angriff auf seine Privatsphäre.

In Rainer Kaufmanns getreulich nachbuchstabierender Verfilmung gibt Ulrich Noethen den piefigen Pauker und Hobby-Ornithologen, der an der Seite seiner noch immer attraktiven Ehefrau Sabine (Katja Riemann) ausschließlich von der Rohrdommel träumt.

"Immer beobachten, nur nicht leben" meckert denn auch die seit langem Angetraute, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Noethen verleiht seiner Figur die Verzweiflung eines Mannes, der an seiner Unfähigkeit verzagt, sich mit einer sinnentleert körperbegeisterten Welt zu arrangieren. Gerade in der Szene, in der die halbnackte Helen ihn massiert, lässt sich das Glissando von Helmuts Emotionen allein an Noethens Gesichtsausdruck ablesen. Dank seines wunderbaren, unprätentiösen und stets auf den Punkt gebrachten Spiels gelingt es Noethen, seiner Figur eine überraschende Allgemeingültigkeit zu verleihen. Ulrich Tukur trumpft als genüsslich nervendes Ekelpaket mitunter zu sehr auf. Manchmal will man ihm in seiner ganzen Exaltiertheit nicht glauben, ausgerechnet in dem farblosen Helmut den idealen Gegner für seine perfide Seelenschlacht gefunden zu haben. Die kaum verborgenen Abgründe, die den Charakter des Klaus Buch bei Walser kennzeichnen, sind in der Adaption oft zu eingeebnet. Die Frauen haben bei Walser häufig die undankbareren Rollen. Das hat sich bei der munteren Drehbuchfassung von Ralf Hertwig und Kathrin Richter nicht geändert: Katja Riemann und Petra Schmidt-Schaller (Helen) stehen zwar für zwei konträre weibliche Lebensmodelle, werden aber von Walser wie von Kaufmann auf allzu simple Stereotypen reduziert, um durchgehend interessant zu bleiben.

Das größte Problem der Adaption ist aber die Paarkonstellation, die bei Kaufmann oft das miefige Odeur des Partnertauschs hat, das bei Walser so nicht herauszuschnuppern ist. In dem locker geschriebenen Buch drehen sich die Monologe der Figuren um die kleinen Dramen des Älterwerdens, um Solidarität und Vertrautheit, um Eifersucht und Rache. Kaufmann wollte aus der an sich gar nicht lustigen Geschichte eine launige Komödie machen. Die kritisch-bösartigen Zwischentöne, die WalsersText anschlägt, blendet die Regie daher brav aus. Übrig bleibt hohe Schauspielkunst im etwas zu biedermeierlichen Rahmen. (In München: Mathäser, Maxx, Filmcasino, Münchner Freiheit, Rio, Sendlinger Tor, Kino Solln.)

"Ein fliehendes Pferd"

mit Ulrich Tukur, Katja Riemann, Ulrich Noethen, Petra Schmidt-Schaller

Regie: Rainer Kaufmann

Sehenswert

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