Sie ist verletzend und verletzlich, sagt die holländische Schauspielerin Lotte Verbeek über Anne, die sie in „Nothing Personal“ spielt. Foto: Verleih

Lotte Verbeek über ihren neuen Film „Nothing Personal“

München - Sie gilt als eines der vielversprechendsten Talente des europäischen Kinos: Lotte Verbeek. Lesen Sie hier ein Interview mit der Holländerin.

In dem archaischen Drama „Nothing Personal“, das am Donnerstag in unseren Kinos anläuft, spielt sie eine Aussteigerin, die sich auf einer abgelegenen irischen Halbinsel in einen Einsiedler (Stephen Rea) verliebt. Bei der diesjährigen Berlinale wurde die 27-Jährige als „European Shooting Star“ ausgezeichnet – wie zuvor etwa Daniel Craig oder Moritz Bleibtreu.

-Wissen Sie noch, wann Ihr Schauspielwunsch geweckt wurde?

Ja, ungefähr mit acht Jahren. Schon als kleines Mädchen habe ich dauernd Stimmen und Akzente imitiert. Dabei bin ich überhaupt nicht mit Filmen aufgewachsen – meine Eltern besaßen nur einen Schwarzweiß-Fernseher, den sie tagsüber in einem Wandschrank versteckten und abends um acht kurz hervorkramten, um die Nachrichten anzuschauen.

-Sie haben zunächst Tanz studiert…

Ja, weil ich an unserem Gymnasium erlebt habe, wie einige Mitschüler mit einem Pianisten für die Aufnahme an der Tanzakademie trainierten. Ich fand das sehr romantisch – es hat mich dazu verführt, ebenfalls diesen Weg einzuschlagen. Erst während der Ausbildung stellte ich fest, dass ich beim Tanz die Worte vermisste, um Geschichten zu erzählen. Also habe ich noch ein Schauspielstudium angehängt. Jetzt kann ich meine Karriere immerhin auf zwei Diplome stützen! (Lacht.)

-Vor den Dreharbeiten hat Regisseurin Urszula Antoniak Sie genötigt, drei Wochen ohne Telefon und Internet auszukommen. Wie war das für Sie?

Einsam. (Lacht.) Das war nicht leicht, weil ich eigentlich ein sehr geselliger Mensch bin. Allerdings habe ich festgestellt, dass einem das Alleinsein auch viel Freiheit gibt: Man ist nicht gezwungen, Leute zurückzurufen oder mit ihnen zu reden oder aus Höflichkeit zu lachen. Man hat mehr Raum für sich selbst.

-Ihre Filmfigur ist ruppig und wirkt anfangs nicht wirklich sympathisch.

Ja, auch das war nicht ganz einfach für mich, denn ich schätze gute Manieren, bin grundsätzlich sehr höflich und wäre nie so schroff wie im Film. Aber manche Menschen sind eben so. Und keiner von uns ist rund um die Uhr nett – so etwas gibt es nur in verlogenen Hollywood-Filmen. Drum war es mir wichtig, meine Figur mit verschiedensten menschlichen Eigenschaften auszustatten. Das ist ja das Faszinierende an ihr: dass sie einerseits verletzend ist, andererseits aber auch sehr verletzlich.

-Wie war es für Sie als Jungschauspielerin, mit einem alten Hasen wie Stephen Rea zu arbeiten?

Großartig. Er bringt schließlich mehr als 40 Jahre Berufserfahrung mit. Trotzdem hat er mir nicht ständig irgendwelche Ratschläge gegeben. Aber wir haben wunderbare Gespräche über das Leben und die Liebe geführt, wenn wir mal wieder stundenlang darauf warten mussten, dass es aufhörte zu regnen – nur wir beide mit schwarzem Kaffee in einem kleinen Wohnwagen. Unseren Altersunterschied fand ich, ehrlich gesagt, ziemlich sexy.

-Wie haben Sie von Ihrer Auszeichnung als Shooting Star erfahren?

Ich drehte in Turin und saß gerade in der Maske, als mich mein Agent anrief und mir die frohe Botschaft verkündete. Daraufhin habe ich in meinem Stuhl einen solchen Freudensprung vollführt, dass die arme Maskenbildnerin alles verschmiert hat und wieder von vorn anfangen musste!

-Würden Sie für sehr viel Geld auch in einem richtig miesen Film mitspielen?

Hmm. Eine teuflische Frage! Also, mein großer Traum ist es, in einem eigenen Haus zu leben – insofern käme ich vielleicht schon in Versuchung… (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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