"Lourdes": Warten auf das Wunder

Regisseurin Jessica Hausner hat mit „Lourdes“ einen feinfühligen und exakt beobachtenden Spielfilm über den Pilger-Ort gedreht.

Kühl gleißt das Neonlicht von der Decke, schief steht der angestaubte Blumenschmuck im Raum. Das Lourdes der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner ist ein Ort, an dem sogar Priester vom Glauben abfallen könnten: Die Hotelhalle, Dreh- und Angelpunkt dieses betont nüchternen Spielfilms, verströmt den Charme einer Autobahnraststätte. Und die Art, mit der die Pflegerinnen des Malteserordens ihre Schutzbefohlenen behandeln, erinnert an die geschäftstüchtige Freundlichkeit von Immobilienmaklern. Unter dem sezierenden Blick Hausners und ihres großartigen Kameramanns Martin Gschlacht verlieren alle, die mit der katholischen Wunderfabrik im Süden der französischen Pyrenäen zu tun haben, bald ihren Heiligenschein.

Der Ort war nicht die erste Wahl, als Christine (Sylvie Testud) ihren Urlaub geplant hat. Aber viele Alternativen hat die an Multipler Sklerose erkrankte junge Frau nicht. Eine Gruppenreise mit dem Maltesercorps ist gut, damit sie aus den eigenen vier Wänden kommt. Nun verbringt Christine ihre Tage unter fachmännischer Bevormundung des christlich-routinierten Pflegepersonals im Pilgerzentrum Lourdes. In präzise Einstellungen macht Hausner klar, dass der Wallfahrtsort aller Gebrechlichen auch ein Zentrum des Massentourismus ist. Ein Ort des Glaubens und des Schmerzes – aber mit einer effektiv arbeitenden Verwaltung im Hintergrund.

Über sechs Millionen Menschen pilgern jährlich dorthin. Das geht nicht spurlos an dem Dorf vorüber. Ausgerechnet der eher skeptischen Christine widerfährt dann zwischen Plastikmadonnen, Heilwasserkanistern und ritueller Waschung ein Wunder. Und die Frommen müssen sich damit abfinden, dass die Ungläubigste auserwählt wurde.

„Lourdes“ ist ein knallharter, grausamer Film, wenn er das fragile Gefüge der Gläubigen beleuchtet, die sich stets mit zwei Fragen quälen: Warum ist mir noch kein Wunder geschehen? Warum den anderen? „Lourdes“ ist aber auch ein sehr zarter, feinfühliger Film. Denn in dem anfangs so unbarmherzig erscheinenden, distanzierten Blick der Regisseurin liegt ein besonderes Verständnis für ihre Figuren. Die Erzählweise ist kühl und beobachtend, manchmal zynisch, manchmal boshaft. Aber die verzweifelten Sehnsüchte der Protagonisten verrät Hausner nie.

„Lourdes“ hat auch sehr viel mit Österreich zu tun, mit dieser Melange aus Spießertum, Katholizismus, Anarchie, Humor und Selbstmitleid. In ihrer schonungslosen Parabel untersucht Hausner das soziale System Religion. Das funktioniert überall so.

von Ulrike Frick

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