"Macht ist sexy"

München - Wie ein Schul-Experiment als Tragödie endet: Jürgen Vogel über seinen neuen Film "Die Welle".

Rainer ist ein Lehrer, wie ihn sich alle Schüler wünschen. Laut dröhnen die "Ramones" aus den Boxen, wenn er mit seiner Rostlaube auf den Lehrerparkplatz donnert. Früher Hausbesetzer in Kreuzberg, nun mit Freundin auf einem Hausboot lebend, Fächer: Sport und Politik. Ein Unangepasster, der sich den Spaß am Unterrichten nicht durch G 8 vertreiben ließ. Den Spaß am Leben schon gar nicht. Dass der keinesfalls zu kurz kommen darf, darin ist sich Jürgen Vogel mit seiner Figur des Rainer Wenger einig.

- Sie waren im Kino schon einiges. Schauspielschüler, Bankräuber, Kommissar, entlassener Häftling. Aber noch nie Lehrer.

Ja, woran liegt das nur... (lacht) Vielleicht an meinen nicht durchgehend positiven Erfahrungen mit dieser Institution. Aber im Ernst: Dennis Gansel und ich wollten seit längerem Mal einen Film zusammen drehen. Als ich sein Drehbuch gelesen hatte, habe ich sofort gesagt "Da bin ich dabei."

- Warum?

Ich finde, es ist eine gute Geschichte, ein gutes Drehbuch, und dieser Rainer Wenger ist ein echt guter Typ. Ich kann seine Motivation verstehen und mit ihm als Charakter und seiner Art, an die Dinge heranzugehen wirklich etwas anfangen. Außerdem hatte ich riesige Lust, mit diesen Jungschauspielern zu arbeiten. Frederik Lau zum Beispiel, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Cristina Do Rego, Jacob Matschenz. Die sind so großartig, so präzise im Spiel, und ich hoffe, dass sich nach diesem Film alle Leute für die interessieren, denn da sind wirklich tolle Talente dabei.

- Generationen von Schülern haben die Buchvorlage gelesen. Sie standen mit den Bildungsanstalten früher eher auf Kriegsfuß. Gefällt es Ihnen, bald zum Unterrichtsgegenstand zu werden?

Sehr (grinst). Aber dieser Gedanke war nicht Ausschlag gebend bei meiner Entscheidung, dieses Projekt zu machen. Mir hat gefallen, dass der Rainer Wenger kein unfehlbarer Held ist, sondern ein Mensch, der etwas wagt und dabei Fehler macht. Das zeigt nämlich am besten, wie schnell man verführt wird und ich denke, fast niemand kann mit Sicherheit sagen, wie er sich im Falle einer neuen Diktatur in Deutschland verhalten würde.

- Die gleichnamige Buchvorlage der "Welle" basiert auf einem Experiment, das 1967 an einer kalifornischen High School durchgeführt wurde. Damals hat sich fast eine ganze Klasse einem totalitären System unterworfen.

Weder Bildung noch Stand noch Geld schützen einen davor, in ein solches System hineinzurutschen. Jeder ist da genauso gefährdet. Die meisten machen es sich nur nicht bewusst. Denn diese Verführung läuft total subtil ab, wie der Film zeigt. Im Mittelpunkt der neuen Aktionen steht zuerst einmal der Gemeinschaftsgeist, die gemeinsamen Ideale, das Feiern. Das brauchen alle Gruppen. Aber man muss schon genauer hinsehen, denn gemeinsam für etwas zu sein, bedeutet immer auch automatisch, gemeinsam gegen etwas anderes zu sein.

- Das Experiment endet schließlich als Tragödie...

Wenger verliert den Überblick, die Zügel gleiten ihm aus der Hand. An der Figur lässt sich sehen, wie schnell Macht verführt. Macht ist sexy, und Wenger erliegt dieser Versuchung. Eine kurze Zeit lang zumindest. Man kann heute überall diesen Mechanismus erkennen. Viel zu viele Leute bleiben an der Macht hängen und werfen dafür sämtliche Ideale über Bord. Manchmal sogar, ohne es zu bemerken. Meistens geht das nicht so schnell wie im Film. Aber schlimm ist es immer.

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