Männer unter sich

- Seit Winkelmann die Welt Homers entdeckte, hat es immer wieder Wellen der Antike-Begeisterung gegeben. Erwähnt seien hier nur die historistische Literatur des 19. Jahrhunderts, die Stummfilmzeit oder die Phase der ausgehenden 50er-Jahre, in denen die schweinsledernsten aller Historienschinken entstanden. Es scheint eine Tendenz zu geben, in Phasen der Krise Halt zu suchen in der Mythologie. Damit wäre ein Erklärungsmuster gefunden für den neuerlichen Griff der Literaten und Filmemacher in die Vergangenheit.

<P>Allein drei Produktionen rund um Alexander den Großen sind derzeit in Arbeit, ebenso wie eine Fortsetzung von "Gladiator", des Vorreiter des neuen Sandalen-Films. Großartige Streifen waren dennoch viele jener oft kruden Interpretationen.<BR><BR>Ein großartiger Film ist auch "Troja", das neueste Spektakel von Wolfgang Petersen. Historisch gesehen ist manches zweifelhaft, was er da in Anlehnung an Homers Versepos "Ilias" auf die Leinwand zauberte. Der Krieg der griechischen Stämme gegen Troja dauerte nicht nur ein paar Tage. Die Homoerotik kommt bei Petersen ebenso wenig vor wie die Götterwelt, und die Sache mit dem Pferd hat sowieso erst Gustav Schwab ausgewalzt. Doch nur diese Marginalien aufzuzählen, wäre zu eindimensional altphilologisch gedacht.<BR>Die Geschichte rund um die Entführung der schönen Helena von Sparta durch den verliebten Jüngling Paris und den daraus resultierenden Kampf der Griechen um Troja funktioniert bei Petersen.<BR><BR>Zänkische Könige</P><P>Nur das zählt im Kino. Der Erfolg von "Troja" ist in erster Linie Petersens kluger Bearbeitung des Stoffes und seiner geschickten Regie zu verdanken. Rund um den Helden Achill arrangiert er sein Kriegsdrama. Das kann ihm aber wirklich niemand zum Vorwurf machen, schließlich ist dadurch der Geist der Ilias treffend eingefangen: "Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus."<BR><BR>Exakt befolgt Petersen diesen ersten Vers. Überlegt straffte er, wo es nötig war, ergänzte als Zugeständnis an die Sehgewohnheiten des breiten Publikums die Auftritte Achills um eine Liebesgeschichte, ließ dessen Antagonisten Hector noch menschlicher erscheinen und die zänkischen Könige Menelaos und Agamemnon noch korrupter. Daraus ergibt sich ein klassischer Spielfilm-Plot, der in seiner exzellenten Besetzung und Kameraarbeit derzeit seinesgleichen sucht. Für eine solche Rolle sei er Schauspieler geworden, erklärte Brad Pitt seinen Part des Achill. Und wer Pitt immer noch als den ambitionierten Schönling abgetan hatte, kommt nun nicht mehr umhin, ihn als ernsthaften Darsteller anzuerkennen.<BR><BR>Von einem Boten aus dem Schlaf gerissen, eilt er verspätet zum Schlachtfeld, um dort seinen ersten Zweikampf zu bestehen. Man mag seine Augen nicht von Pitts Gesicht abwenden, das von der anfänglichen Schläfrigkeit allmählich zu kämpferischem Furor wechselt, ehe er sich im gestreckten Galopp seinem Gegner entgegen wirft. Petersen verherrlicht die alten Griechen aber keineswegs zu mythischen Heroen, die noch vollsten Körpereinsatz und schmucken Bizeps zeigten für ihre gerechte Sache. </P><P>Wie auch bei Homer ist rasch klar, dass es niemandem mehr nützt, ein ganzer Kerl zu sein inmitten einer gigantischen Materialschlacht. Dass die Anführer nicht immer moralisch integer handeln, dass Gefallene von ihren Frauen beweint werden und dass sich im Getümmel nicht mehr erkennen lässt, warum und gegen wen man eigentlich gerade fechten muss.<BR>Die Parallelen zur aktuellen US-Politik erscheinen oft unerwartet deutlich. In den elegant fotografierten Kämpfen und den grandiosen, postkartenschönen Totalen liegt der Reiz dieses neuen Monumentalfilm-Booms in Hollywood. Gerade hier liegt auch die große Stärke von Regisseur Petersen. Männer unter sich, mit golden schimmernden Brustpanzern, da kann er eine Spannung erzeugen wie kaum ein anderer.<BR><BR>Bei den kurzen Gefühlsaufwallungen gegenüber Frauen, da versagt Papa Petersens Fantasie leider ein wenig. Virilität, nackte Haut und Heldentum - ja, aber bitte ohne Frauen. Und plötzlich ist man doch wieder bei der Homoerotik, die im US-Kino stets so beherzt vermieden wird. </P><P>"Troja"<BR>mit Brad Pitt, Orlando Bloom,<BR>Diane Kruger<BR>Regie: Wolfgang Petersen<BR>Hervorragend </P>

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