Märchen für große Jungen

- Ein einziger keuscher Kuss wird mehr gehaucht als getauscht - und zwar neben die Lippen. Viel mehr wäre aber auch bei weniger stubenreiner Gesinnung der Macher nicht drin gewesen, ist doch Cate Blanchett kaum eine Minute im Bild, und Liv Tyler vielleicht, wohlwollend gezählt, fünf Minuten von fast drei Stunden Filmdauer. Was für eine Verschwendung.

<P>Kämpfen dürfen in "Der Herr der Ringe - Die zwei Türme" nur die Männer. Weil die aber fortwährend im Bild sind, wird viel gekämpft, chaotisch und computeranimiert und leider so verwirrend, dass auch geschulte Beobachter schnell den Überblick verlieren. Im Gegensatz zu jenen PC-Spielen, deren Bildschirmdarstellung dieser Film über weite Strecken so ungemein ähnelt, gibt es hier ja kein Regelbuch, das einem helfen würde, alles auseinanderzuhalten. <BR><BR>Wer also wegen Tyler und Blanchett, den fraglos besten Darstellern im vielköpfigen Ensemble des Monumentalfilms, ins Kino gehen möchte oder weil er sich unter "Fantasy" nicht nur Zaubersprüche und Schwertergeklirr, sondern auch den Zauber romantischer Liebesszenen vorstellt, sollte es besser lassen. Der Vorschau darf man da übrigens nicht trauen; die ist hier mehr denn je eine Mogelpackung. Auch das Wirken des "Hauptdarstellers" Elijah Wood als Frodo ist auf eine Nebenhandlung beschränkt, was in diesem Fall nicht weiter wichtig ist, weil Wood vor allem durch seine allzu sichtbar abgekauten Fingernägel in Erinnerung bleibt. <BR><BR>Wer J.R.R. Tolkiens Romanzyklus schätzt, wer diese beschreibungssatte Story liebt, der muss selbst entscheiden, ob er die Bilder in seinem Kopf dem Eindruck des Films aussetzen möchte. Unter den Fans war die Meinung schon vor Jahresfrist, als der erste Teil ins Kino kam, recht geteilt. Technisch ist dieses Märchen für große Jungen durchaus up to date. Aber es wäre ja auch noch schöner, wenn man für 300 Millionen Dollar nicht etwas erwarten dürfte. Stilistisch freilich wirkt es über weite Strecken steril und eindimensional, in seiner Geschichte langweilig, weil zutiefst vorhersehbar. <BR>Es geht um Gut und Böse, um weite Reisen und lange Kämpfe. Vor allem aber ist es ein Film der großen Worte: Ein ums andere Mal wird geredet und geredet, erklärt und gelabert, Pathos beschworen und mit rollenden Augen ein neues Zaubersprüchlein aufgesagt. </P><P>Um das Buch tobt der Streit seit den 50-ern. Im Internet der New York Times kann man die damalige Debatte jetzt nachlesen: Prominente Fans stoßen da auf kaum weniger bekannte Verächter. Künstlerisch lauten die häufigsten Vorwürfe Kitsch und Manierismus. Zur Hoch-Zeit der Avantgarde entwarf der Brite Tolkien ein neoromantisches Epos, das vor allem das Verlangen des weniger kunstinteressierten Publikums nach "großer Erzählung", nach heldischen Helden und klarem Gut-Böse-Schema befriedigte. Alles Elemente, die der Film nun getreulich auf die Leinwand bringt. <BR><BR>Politisch halten sich die Lesarten die Waage: Die letztlich glückende Rebellion der zwergenhaften Hobbits lässt sich durchaus als proletarischer Sklavenaufstand interpretieren, umgekehrt aber auch als reaktionärer Reflex und als Verherrlichung bäuerlichen Landlebens gegen die als "böse" skizzierte Stadt. Im Oberschurken Saruman lassen sich unschwer Züge des Faschismus` aufzeigen. Im Zentrum des jetzigen Teils steht ein "Vernichtungskrieg", bei dem man Holocaust-Bezüge nicht ignorieren kann, zumal Regisseur Peter Jackson in der Skizzierung von Sarumans Streitmacht mit der Motivik von Riefenstahls Parteitagsfilmen spielt. <BR><BR>Andererseits ist das, wofür Tolkien eintritt, eine Art Völkerbund gegen das Böse, kaum weniger totalitär. Ein Loblied aber auf Liberalismus, Demokratie und Individualität sucht man vergebens. Ein Hauch von Blut und Boden, eine Lust am Apokalyptischen wehen schon durch die Geschichten vom Auenland und Mittelerde, vom Bündnis der Bäume und Trolle und Elben mit den Menschen gegen die "neue Macht". Egal, ob man sich nun Tolkiens konservativem Mythos mit Freud oder C.G.Jung, mit Theologie oder Philosophie nähert, immer wird man mit vielerlei Fundstücken zurückkehren.<BR><BR>Gerade diese Deutungsvielfalt beziehungsweise -beliebigkeit macht ja die kaum gebrochene Wirkung dieser Geschichten aus, die offenbar dem Weltfluchtbedürfnis vieler Menschen sehr entgegenkommen. Insofern entzieht sich auch der Film aller Kritik, er scheidet das Publikum in Gläubige und Ketzer. Dass all dies die Fans wenig bekümmern dürfte, ist klar. Aber mit Niveau verwechseln darf man Kassenerfolge deswegen noch lange nicht. <BR><BR>Ab Mitternacht in München: Maxx, Gloria, Cincinnati, Marmorhaus, Rio, Museum, Cadillac, Karlstor, Neues Gabriel, Münchner Freiheit, Royal, City, Leopold, Kino Solln, Neues Rex, Cinema. <BR><BR>"Der Herr der Ringe - Die zwei Türme" <BR>mit Elijah Wood <BR>Regie: Peter Jackson <BR>Erträglich </P><P align=center><P align=left>Einen Blick wert: Die Bildergalerien der Topfilme</P>James Bond - Stirb an einem anderen Tag Harry Potter - Kammer des Schreckens Der Herr der Ringe - Die zwei Türme </P><P><BR> </P>

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