Der Mann lässt sich nicht aufhalten

- "Mein Name ist Al Gore. Ich war einmal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten." Mit diesen selbstironischen Sätzen stellt sich der Mann im dunklen Anzug vor, der die folgenden zwei Stunden dem Zuschauer ein Horrorszenario vor Augen führt. Mit Hilfe einer Diashow und eingestreuten kurzen Dokumentarszenen will Al Gore, früherer US-Vizepräsident und im Jahre 2000 erst Sieger aber dann doch nicht Sieger der Präsidentschaftswahl gegen Konkurrent George W. Bush, das Publikum wachrütteln.

Und das gelingt ihm auch. Denn sein Thema ist ein überaus brisantes: die globale Erwärmung. In einem Land, in dem die Lobbyisten der Auto- und Ölindustrie die Politik derart deutlich bestimmen wie in den USA, ist es für Gore kein einfaches Unterfangen, vor der Umweltzerstörung im großen Stile zu warnen.

Doch der Mann lässt sich nicht aufhalten und tourt mit einem Diavortrag, der auf unterhaltsame Weise wissenschaftlich belegte Fakten mit Humor und Cartoons vermengt, durch seine Heimat und nahezu jedes weitere Land auf der Welt. Gore hat eine Mission, und Regisseur Davis Guggenheim zeigt in "Eine unbequeme Wahrheit" nicht nur, was er zu sagen hat, sondern auch, wie und warum Gore dies tun muss. Gores Vortrag ist souverän gemacht, bestechend klar und einfach und dennoch klug arrangiert. Seine Zahlen sind alarmierend, sein Bildmaterial erschütternd, und seine Stimme tönt eindringlich.

Doch die Szenen, die einem in dieser geschickt montierten Dokumentation besonders bewegen, sind die, die gar nicht direkt mit der Erderwärmung in Verbindung stehen, sondern ausschließlich mit Gore selbst: Der bei einem Unfall beinahe ums Leben gekommene Sohn, das Leiden der an Lungenkrebs sterbenden Schwester, die Wahl 2000 und die damit verbundene Enttäuschung. Davis Guggenheim, Sohn des berühmten Dokumentarfilmers Charles Guggenheim, hat die zentrale Figur seines Films genauestens beobachtet.

Der Film funktioniert deshalb so exzellent, weil Gore, der sich seit seiner Uni-Zeit mit dem verheerenden Einfluss des Kohlendioxyd- Ausstoßes auf die Erde beschäftigt, sich gut verkauft. Gore gelingt es, die nüchternen Tabellen und Diagramme so spannend zu präsentieren wie eine Expedition zu den Polkappen. Er kann im nächsten Atemzug aber auch nachdenklich, ausgeglichen und oft recht amüsant sein, wenn er als Privatmann aus seinem Leben plaudert. Eine schier unschlagbare Kombination für einen Film dieser Art.

(Ab morgen in München: Royal, City, Atlantis i.O., Cinema i.O.)

"Eine unbequeme Wahrheit" mit Al Gore

Regie: David Guggenheim

Sehenswert ****

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