Der Mann von nebenan

- Der beste Seismograph für gesellschaftliche Strömungen in den USA ist die Filmindustrie. Viel zuverlässiger als Leitartikler oder Politiker erfassen Filmemacher die Stimmung im Land - sie leben davon. Einer, der das immer gut konnte, ist Oliver Stone, der in "World Trade Center" die Terroranschläge vom 11. September filmisch verarbeitet, und dabei einen neuen Heldentyp feiert: den Mann von nebenan.

Beruhend auf wahren Vorkommnissen, schildert er, wie Polizisten und Feuerwehrmänner nach den Einschlägen der Flugzeuge freiwillig ins World Trade Center stürmen, um möglichst viele Menschen zu evakuieren, und dabei selber von den einstürzenden Zwillingstürmen begraben werden. Zwei von ihnen werden nach 24 Stunden noch lebend geborgen.

Und deren Geschichte erzählt er als bewegendes Heldenepos des amerikanischen Jedermann. Wie schon in "United 93", dem Film über den Aufstand der Passagiere in einem der entführten Flugzeuge, sind es einfache Männer und Frauen, die für die gerechte Sache stehen. Ohne große Posen oder geschliffene Reden, aber mit dem Herzen am richtigen Fleck tun sie, was sie tun können. Oft ist das nicht viel, aber es ist die Haltung, die zählt.

Dieser Film: das Hohelied auf die arbeitende Mittelschicht, die ungeachtet aller politischer Schlachten dafür sorgt, dass ein Land, eine Gesellschaft funktioniert. Nicolas Cage und Michael Pena spielen die beiden Polizisten zurückhaltend als demütige Dulder. Sie wissen, dass sie machtlos gegen die drohende Katastrophe sind, aber dennoch erledigen sie ihre Arbeit. Erst als sie verschüttet sind, beginnen sie, ihre Seelen zu öffnen. Und damit gelingt Oliver Stone der Coup, der US-Kritiker jeder Couleur für den Film einnimmt: Es sind wunderbar schlichte, glaubwürdige und aufrichtige Charaktere.

Sie schreien vor Schmerzen, sie haben Angst, aber sie erweisen sich im Augenblick des drohenden Endes als gefestigte Persönlichkeiten. Die Ära der gebrochenen, zweifelnden Anti-Helden ist ebenso vorüber wie jene der omnipotenten Rammböcke, die Probleme einfach aus der Welt sprengen. In unübersichtlichen Situationen zählen die einfachen Wahrheiten. Stone zeigt das leise und fast schon fatalistisch. Der politische Heißsporn, der vor 20 Jahren mitten im größten patriotischen Taumel der Reagan-Zeit in "Platoon" wütend die Verbrechen der US-Armee in Vietnam anprangerte, will die Welt nicht mehr erklären.

Angesichts ihres wirren Zustands besinnt er sich auf alte Tugenden und Werte: Eine intakte Familie als kleinste und wichtigste Einheit einer erstrebenswerten Gesellschaft ist wichtig; Solidarität und Hilfsbereitschaft sind wichtig; und natürlich Pflichterfüllung. Darauf kann sich so ziemlich jeder einigen -egal, was man von der Terrorpolitik der US-Regierung hält. Stone verzichtet bewusst auf Analysen und nennt seinen Film apolitisch. Stone gibt der Sehnsucht nach Klarheit und Harmonie Ausdruck. Sie durchzieht den Film, und alleine das hat für viele Amerikaner etwas Tröstliches.

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