Mann ohne Meinung

- "Ich möchte wirklich wissen, wie Du so ein gefühlsgehemmter, bindungsunfähiger und feiger Penner geworden bist!", brüllt Tina (Birgit Minichmayr) ihren Freund Helmut (Fabian Busch) an. Der hat nicht entsprechend reagiert auf ihre Eröffnung, dass sie schwanger ist. Helmut ist entsetzt. Des drohenden Babys wegen und weil er weiß, dass Tina Recht hat. Also sucht der 32-Jährige nach den Wurzeln seines verkorksten Liebeslebens. Helmut erinnert sich an die 80er-Jahre, an Schulzeit, Musik, die spießigen Eltern - und an Britta, den alles überstrahlenden Stern seines Firmaments.

<P>Verklemmte denken<BR>an ihre Jugendzeit</P><P>2001 erschien Frank Goosens Roman "Liegen lernen", und der Autor wurde allein dieses Debütwerks wegen schon mit Nick Hornby verglichen. Das war nicht zu weit hergeholt, denn bezüglich der Thematik und des lakonischen Stils gibt es durchaus Parallelen. Aber womöglich ähneln sich einfach die Begebenheiten, wenn schüchterne, leicht verklemmte Männer wehmütig an ihre Jugendzeit zurückdenken.</P><P>Hendrik Handloegten hat in seinem Spielfilm Goosens Buch umgesetzt. Herausgekommen ist eine amüsante, federleichte Komödie, die in reduzierten, genau gesetzten Pinselstrichen das Porträt einer Generation und eines Mannes ohne Eigenschaften zeichnet. Denn Helmut passt sich seinen jeweiligen Freundinnen bedingungslos an. Die schöne Britta (Susanne Bormann), Schülersprecherin, Schönste aller Klassenkameradinnen und Tochter engagierter Abrüstungsgegner, führt den unbedarften Helmut in eine neue Welt ein, in der sich 1982 Eltern und Kinder mit Vornamen anreden, in der am Küchentisch über den amerikanischen Imperialismus wie auch über den augenblicklichen Stand des Sexuallebens diskutiert wird.</P><P>Helmut verschwindet völlig hinter Brittas Tatendrang und Energie. Natürlich trennt sie sich von ihm. Der sanfte, meinungslose Junge bleibt mit gebrochenem Herzen auf der Strecke - und wird sich von dieser Trennung nicht mehr erholen. An Frauen mangelt es nicht. Helmut lernt im Studium Gisela (Fritzi Haberlandt) kennen, lebt in seiner WG mit Mitbewohnerin Barbara (Sophie Rois) erotische Obsessionen aus - aber ach, alles lässt ihn kalt. Seine Existenz nach Britta ist nur noch ein schaler Ersatz für wirkliches Leben.</P><P>Doch eigentlich, zeigt Handloegten in seinem sensibel beobachtenden und auch urkomischen Film, weiß Helmut überhaupt nicht, was er will. Welche Frau, welche Meinung? Endgültig erwachsen werden? Und sogar Kinder? Seit Florian Illies' Buch "Generation Golf" gibt es einen Namen für diese postpubertäre Unentschlossenheit und dieses Sich-durchs-Leben-Lavieren, das Goosen in seinem Buch beschreibt und für das Handloegten hier so wunderbar stimmige Bilder gefunden hat. Die Szenen besitzen jede für sich bereits einen überraschend intensiven Charme, die Ausstattung zeigt eine überbordende Detailverliebtheit, die einen als Zuschauer immer wieder begeistert auflachen lässt. Mal ganz abgesehen von der stets akkuraten, treffenden Vertonung durch die in den Achtzigern aktuellen musikalischen Schauerlichkeiten. </P><P>(In München: Marmorhaus, Maxx, Gloria, Leopold, Rio.)</P><P>"Liegen lernen"<BR>mit Sophie Rois, Fabian Busch,<BR>Susanne Bormann<BR>Regie: Hendrik Handloegten<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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