Ein Mann räumt auf

- Autobahnraser, Ladendiebe, Schwimmbadpinkler, Exhibitionisten, Falschparker und Graffiti-Schmierer treiben sich auf Deutschlands Straßen herum. Mux, ein Hänfling Anfang dreißig, will aufräumen mit diesen desolaten Zuständen. Als eine Art moderner Don Quichotte, der das Kant-Brevier stets auf dem Nachttisch liegen hat, will er die Welt verbessern. Die Menschen sollen rücksichtsvoller miteinander umgehen. Das Auge der Polizei ist oft zu unaufmerksam für die kleinen Missstände des Alltags, der Arm des Gesetzes ist meist zu kurz, um sie alle zu kriegen, die Drogendealer, Hundehaufenverursacher, Schwarzfahrer, Hehler und Kinderschänder.

<P>Um an möglichst viele Informationen gelangen zu können, spinnt Mux, unterstützt von seinem Angestellten Gerd, einem aus Mitleid beschäftigten Langzeitarbeitlosen, ein stabiles Informantennetz. Überall liegen seine Spitzel auf der Lauer und denunzieren, was das Zeug hält. Mux will die Welt verbessern, will nicht mehr in einer Gesellschaft leben, "die ihre Ideale verloren hat". So lauert er den Missetätern auf, überführt sie und zwingt sie dazu, ihr Diebesgut an eine wohltätige Organisation zu spenden. Als Held empfindet sich Mux aber nicht. "Jedes Land hat die Helden, die es verdient. Michael Schumacher ist ein Held, weil er schnell um die Kurven fährt und keine Steuern zahlt."<BR><BR>Tatsächlich zeigt sich bald in dieser genial konzipierten, fingierten Dokumentation, dass Mux ein Psychopath ist. Ein idealistischer Terrorist, der seinen Kant nur halb gelesen und sich daraus eine erschreckend dogmatische Weltsicht zurechtgezimmert hat. Mit Hilfe einer Videokamera hält er die Vergehen seiner Mitmenschen fest und verhängt eigenmächtig Strafen. Der Landstraßen-Rowdie muss sein Lenkrad abgeben, die Ladendiebin im Kaufhaus strippen, der Hundebesitzer die Exkremente seines kleinen Lieblings vertilgen. Das Verstörende an Mux ist, dass er uns trotz seines Pathos und seiner Rechthaberei auf eine verquere Weise sympathisch erscheint.<BR><BR>Raab, Bohlen, Koch und die Liebe<BR><BR>Regisseur Markus Mittermeier und seinem Drehbuchautor und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg gelingt es, mit "Muxmäuschenstill" eine schräge, gallige Kombination  von "Taxi Driver", "Ein Mann sieht rot", Don Quichotte und Sozialkunde-Unterricht zu erschaffen. Mit schwankender Handkamera und bis auf Mux ausnahmslos mit Laiendarstellern gedreht, fängt Mittermeier eine Authentizität ein, die einen kaum fassen lässt, dass diese Produktion ein Film mit ausformuliertem Drehbuch ist, die auch noch abseits sämtlicher Fördergremien entstanden ist. Mittermeier bildet ab, was den Deutschen tatsächlich umtreibt: Stefan Raab, Dieter Bohlen, Roland Koch und - die Liebe.<BR><BR>Gerade dadurch, dass Stahlberg und Mittermeier ihren Ritter von der tragischen Gestalt nicht zur Karikatur gerinnen lassen, sondern stets als Menschen mit vielfältigen Emotionen zeigen, erhält der Film eine tiefere Bedeutung, ermöglicht Anteilnahme wie Analyse. Ihr rundum gelungener erster Spielfilm ist eine bösartige, schonungslose Lektion für alle, die hinter dem "Kategorischen Imperativ" eine Variante der neuen Rechtschreibung vermuten. </P><P>(In München: Mathäser, ABC, Atlantis, Forum.)<BR><BR>"Muxmäuschenstill"<BR>mit Jan Henrik Stahlberg, Fritz Roth<BR>Regie: Markus Mittermeier<BR>Hervorragend <BR></P>

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