Dem Massengeschmack zum Trotz

München - 25 Jahre Filmfest - das sind vor allem 25 Jahre American Independents und 25 Jahre Ulla Rapp. Ohne die "Indies", diese wichtigste und einzige Filmfest-Reihe von wirklich internationaler Bedeutung, wäre das Filmfest nicht, was es ist. Das gilt daher auch für Ulla Rapp - sie kurartierte die Reihe jener US-Filme, die unabhängig von den großen Hollywood-Studios entstehen, in diesem Jahr zum letzten Mal.

Die Coen-Büder, Tarantino und Soderbergh hatten mit ihren ersten Filmen in München Deutschlandpremieren. Hier wurden "Big Names" gemacht, aber auch jene Talente gepflegt, die ihre Filme immer unabhängig von Hollywood machen würden. Einige aus diesem wichtigen "Mittelstand" des US-Kinos sind auch heuer wieder dabei. Sie sind alle alte München-Bekannte, die ihre neuesten Filme vorstellen: Gregg Araki, Tom DiCillo, Barbara Kopple und Kevin Smith.

Dazu kommt Richard Linklater, der "Lieblingsslaker" von Ulla Rapp: Mit "Slacker" definierte der Regisseur Anfang der 90er die "Generation X", die jungen Herumhänger, die trotz guter Ausbildung Besseres im Leben zu tun haben, als ihre Karrieren zu planen. Mit "Dazed und Confused" und "Suburbia" untersuchte er die US-Mittelklasse, mit "Before Sunrise" und "Before Sunset" die Liebe im geschwätzigen Zeitalter, mit "A scanner darkly" die neuesten Animationstechniken.

In den letzten Jahren erlebt unter den Indies der Dokumentarfilm einen neuen Boom: Kritisch, unversöhnlich, hart, mitunter sarkastisch, ist er genauso unterhaltsam wie Michael Moore, aber weniger weichgespült. Einer dieser Regiestars ist Barbara Kopple, deren neuer Film "Dixie Chicks: Shut up & sing" ins Herz des Bush-Amerika vordringt: Als die Lead-Sängerin der Country-Band "Dixie Chicks" im März 2003 öffentlich ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch nahm und sagte: "Wir schämen uns, dass der Präsident der USA aus Texas stammt.", reagierte ein großer Teil der USA mit Boykott, öffentlichen CD-Zerstörungen und Morddrohungen.

Um Schmutz anderer Art geht es in Laura Dunns "The Unforeseen", einer aufrüttelnden Öko-Dokumentation über die Zerstörung eines Naturparadieses durch böse Kapitalisten. Einer von vielen Kronzeugen ist Robert Redford. Die zweite Seite Amerikas zeigt "Annie Leibovitz: Life through a lens". Dies ist die filmische Biographie der berühmten Fotografin, deren Leben mit Rock’n’Roll genauso verbunden ist, wie mit dem Mythos Amerika unserer Tage, mit Schwarzenegger, Clinton und Susan Sontag, ihrer langjährigen Lebensgefährtin.

Bei den Spielfilmen ist eines der interessantesten Werke der Reihe "American Combatant" von Charles Libin. In einem Film beschrieb er 1988 ein Attentat im World Trade Center. 20 Jahre später und fünf Jahre nach 9/11, konfrontiert er die Aufnahmen von damals mit Bildern der Gegenwart - Paranoia live. Tom DiCillos "Delirious" ist dagegen ein delirierender Einblick in die Realität des Showbiz.

Geschickt mit Tabubrüchen und Publikumserwartungen spielt "Half Nelson", der von einem prekären Lehrer-Schüler-Verhältnis handelt: Die 13-jährige Drey ertappt ihren Lehrer beim Drogenkonsum. Daraus entsteht eine merkwürdige Freundschaft. Ein Film, der wohltuend ohne Moralisieren auskommt.

Ebenfalls empfehlenswert: Ishai Setton feuchtfröhliche Schwimmkomödie "The Big Bad Swim", die würzige Louisiana-Reise "Little Chenier" und das leicht-locker-schockierende Großstadtportrait "Manda Bala - Send a Bullet". Ulla Rapp hat einmal mehr ein anregendes Programm zusammengezaubert. Nicht nur deshalb vermisst man sie schon jetzt.

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