Mehr Humor - mehr Grusel

- Endlich. Das Warten hat ein Ende. Tausende Kinder- und auch Erwachsenenherzen schlagen höher: Harry Potter ist wieder da. In dieser Woche läuft, begleitet von einem gewaltigen Mediengeschepper, "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" an, die Verfilmung des zweiten Buches von Joanne K. Rowling. "Spannender, witziger und gruseliger" soll er nach Aussage der Produzenten und des Regisseurs Chris Columbus sein. Und gerade dies könnte zum Problem werden: Obwohl die deutsche Variante bereits entschärft wurde, und der Film die offizielle Altersfreigabe "ab 6 Jahre" trägt, ist "Harry Potter II" für kleine oder eher ängstliche Kinder nicht geeignet.

<P>Schuld daran sind die vielen, souverän eingesetzten Spezialeffekte. Riesenhafte Spinnen verfolgen Harry und seinen Freund Ron durch den dunklen Wald, und bedrohlich zischelt die gigantische Schlange. Die Kinderkrankheiten des ersten Teils, in dem die Computeranimationen oft sehr künstlich aussahen, sind behoben. Das ist für alle über zehn Jahre alten Zuschauer eine schöne Sache, für die Jüngeren allerdings ein Grund, sich zu fürchten. </P><P>"Die Geschichte wiederholt sich", jammert der Hauself Dobby an einer Stelle, und Recht hat er. Bis auf Kleinigkeiten wie etwa die neuen Monster, gegen die Harry zu kämpfen hat, bleibt alles beim Alten: Der Titelheld, sein bester Kumpel Ron und ihre Freundin Hermine werden nach wie vor von Daniel Radcliffe, Rupert Grint und Emma Watson verkörpert, die vor dem zweiten Film offensichtlich eine Menge Schauspieltraining über sich ergehen lassen mussten und allmählich eins werden mit ihren Rollen. Die liebevoll ausgestalteten und streng der Vorlage verpflichteten Kulissen sind dieselben, die Hausgeister ebenfalls. Robbie Coltrane ist der tapsige Wildhüter Hagrid, auch Harrys böse Tante und sein gefräßiger Cousin nerven den Zauberlehrling wie eh und je. Daran ist jedoch weniger der mangelnde Einfallsreichtum des Regisseurs schuld, sondern vor allem die strikte Kontrolle der Produktion durch die Autorin. Rowling hat offensichtlich mit Argusaugen darüber gewacht, dass nur ja keine Nebenhandlung des Romans in der Verfilmung vergessen wird. Nicht immer zum Wohle der Adaption, die manchmal geradezu hektisch ein Ereignis nach dem anderen nachbuchstabiert. </P><P>Doch im Lehrkörper von Hogwarts hat sich eine Veränderung ergeben, und sie ist der Grund, weswegen man sich diesen zweiten Teil auch als Nicht-Potterianer ansehen sollte: Kenneth Branagh, zur Zeit vielleicht einer der renommiertesten Shakespeare-Darsteller Großbritanniens, sicherlich aber in Spielfilmen stets einer der begnadetsten Selbstdarsteller aller Zeiten, spielt Gilderoy Lockhart, den neuen Zauberlehrer für das Fach "Abwehr der dunklen Mächte". Dieser Lockhart ist im Buch eine in seiner Eitelkeit schon arg überzeichnete Figur, die so gar nicht in das ansonsten sehr gewichtig-seriöse Personenensemble von Hogwarts zu passen scheint. Branagh, heimlicher Star dieses Harry-Potter-Films, verleiht dem pomadigen Lockhart nun erst die rechte Glaubwürdigkeit. Herrlich ist es anzusehen, wie sich der auf seine Wirkung bedachte Lehrer mit dem Zögling Harry Potter zu schmücken sucht. Bis in die kleinste gezierte Handbewegung lebt Branagh den geltungssüchtigen Angeber, der seine Schüler als Strafaufgabe dazu verdonnert, mit ihm gemeinsam seine Autogrammkarten zu signieren. </P><P>Fazit: Mehr Grusel, mehr Humor, aber immer noch kein Gefühl. Regisseur Chris Columbus hat die Zielgruppe der Kleinen ein wenig aus den Augen verloren, eine andere aber nicht erreicht. Ein bisschen Romanze hätte man dem mittlerweile deutlich pubertierenden Harry Potter doch gegönnt. Vielleicht wagt sich ja der Mexikaner Alfonso Cuaron, Regisseur des dritten Teils, daran, dem ganzen Spektakel ein wenig mehr Herz zu verleihen. (In München: Marmorhaus, Gloria, Maxx, Royal, Leopold, Münchner Freiheit, Autokino, Cinema i. O., Sendlinger Tor, Rio, Cadillac, Rex, Museum, Cincinnati, Gabriel, Kino Solln.)</P><P>"Harry Potter und die Kammer des Schreckens"<BR>mit Daniel Radcliffe<BR>Regie: Chris Columbus, Kenneth Branagh, Emma Watson <BR>Sehenswert </P><P><BR> </P>

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