Mehr als Vamp und Diva

57. Berlinale: - Zehn Tage im Februar funkelt und glitzert der triste Potsdamer Platz. Ganz Berlin schwelgt im Filmfestspiel-Fieber, und Hollywood-Stars wie Clint Eastwood, Robert de Niro und Cate Blanchett werden über den roten Teppich schreiten, heißt es. Sie sorgen für den so wichtigen Glamour-Faktor, ohne den ein großes Filmfestival heutzutage einfach nicht mehr auskommt.

Denn mögen die Regisseure noch so versiert und engagiert sein, ohne ein bekanntes Gesicht in ihrem Film haben sie es auch während der Berlinale mittlerweile schwer, beachtet zu werden.

Eröffnung heute Abend

Doch die Berliner Filmfestspiele, die heute eröffnet werden und bis 18. Februar dauern, bieten nicht nur Stars, Sternchen und in Sektionen wie "Panorama" oder "Forum" auch jede Menge Diskussionsstoff. Die Berlinale bietet auch immer einen Blick zurück. Diesmal ist er auf das weibliche Personal der Stummfilmära gerichtet. "City Girls -­ Frauenbilder der Stummfilmzeit" heißt die Reihe, die sich mit dem Frauentypus der Zeit befasst.

Das Bild der Frau veränderte sich deutlich in den 20er-Jahren: Bubikopf, Berufstätigkeit, ein wachsendes Selbstbewusstsein, Hosen tragen und rauchen in der Öffentlichkeit. Dieses bis dahin unbekannte Rollenverständnis ist Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen. Die Retrospektive der 57. Berlinale bietet das Vergnügen, alte Filme zweifach neu zu sehen: Über die Hälfte der Filme wurden vollständig restauriert. Zugleich kann man mit dem Blick von heute die Facetten der "neuen Frau" von damals entdecken. Die ist ohne das Großstadtleben nicht denkbar. Ihr Arbeitsplatz ist das Großraumbüro, die Fabrik oder das Nähatelier. Man begegnet ihr im Kaufhaus, in Tanzlokalen und öffentlichen Verkehrsmitteln.

Da darf ein Film wie "Menschen am Sonntag" von Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer und Rochus Gliese, zu dem der junge Billy Wilder das Drehbuch schrieb, nicht fehlen. 1930 gedreht, ist der collagenartige Film eine halbdokumentarische Chronik eines einzigen Sonntags im Berlin der Weimarer Republik. Die Kamera nimmt vier Personen ins Visier, die alle zum Wannsee fahren, um dort ihren freien Tag zu verbringen. Film ist hier nicht nur Unterhaltung, sondern zugleich Dokument einer historischen Realität.

Es ist spannend zu sehen, wie vielfältig die weiblichen Rollen im Stummfilm plötzlich erscheinen. Kurz zuvor noch auf den Dualismus Vamp oder Diva festgelegt, treten mit dem Beginn der Goldenen Zwanziger der Typ des Flappers, wie ihn etwa Clara Bow oder Louise Brooks verkörperten, und der Typ der burschikosen Garçonne auf. Um etwas System in die Auswahl der knapp 50 Spielfilme zu bekommen, unterteilte man das Programm in vier Themen. "Working Girls", "Flaming Youth", "Husbands and Wives" und "Fate and Passion". Den "Working Girls" kommt dabei nicht nur quantitativ die höchste Bedeutung zu. Erst die Neuerung der Berufstätigkeit schafft die Voraussetzung für weitere Veränderungen im Leben der Frauen.

"Das Schneiderlehrmädchen" von E. B. Donatien aus dem Jahre 1928 etwa zeigt das Glück und Leid der jungenhaften Titelheldin mit dokumentarischer Nüchternheit. Louise Brooks, Inbegriff des vorfeministisch-selbstbewussten "Flapper-Girls", sieht man in "Love‘em and Leave‘em" von Frank Tuttle. Der Film aus dem Jahre 1926 läuft in der Gruppe "Flaming Youth" und weist auf die gelegentliche Beliebigkeit dieser Kategorisierungen hin. Denn "Husbands and Wives" würde wohl ebenfalls als Überschrift passen. Ernst Lubitschs Ehe- und Mutter-Tochter-Drama "Lady Windermere‘s Fan" (1925), die kultivierte Verfilmung des Bühnenstücks von Oscar Wilde, gehört zweifellos in diese Kategorie.

Asta Nielsen als Hamlet

Zu "Fate and Passion" zählen eindeutig die drei Arbeiten Urban Gads: "Abgründe", "Zapatas Bande" und "Die Filmprimadonna", alle entstanden zwischen 1910 und 1914. Asta Nielsen gibt den Vamp, und vergleicht man diese Auftritte mit ihrem Part als "Hamlet" in der gleichnamigen Verfilmung von Svend Gade und Heinz Schall aus dem Jahre 1921, scheinen Welten dazwischen zu liegen. Welten, in denen aus den unheilvollen oder leidenden Schönheiten selbstbestimmte Wesen mit großem Herz und festem Händedruck wurden.

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