Melancholie im Monsun

- Ein Liebespaar findet sich, wird wieder auseinander gerissen, und es dauert viele, viele Jahre, bis die Liebenden von damals sich erneut begegnen. Man kennt diese Grundkonstellation, sie gehört quasi schon lange zu den Klassikern des romantischen Genres. Florian Gallenberger hat sie nun für seinen ersten langen Spielfilm neu zu beleben versucht. Bereits nach wenigen Minuten haben Regisseur und Kameramann Jürgen Jürges den Zuschauer hinein gezogen in ihr düster-poetisches Märchen.

<P class=MsoNormal>Ravi und Masha, beide etwa zehn Jahre alt, verdingen sich als Kinderarbeiter in einer Teppichfabrik am Rande Kalkuttas. Als Masha an ein Bordell verkauft werden soll, kratzt Ravi seine Ersparnisse zusammen, um seine Freundin freizukaufen. Masha verlässt die Fabrik und wartet fortan brav jeden Monat vor dem Shiva-Tempel auf Ravi. Der erscheint schließlich auch. Mit einigen Jahren Verspätung allerdings. Verhärmt und verbittert. Und aus Mascha ist auch keine glückliche Frau geworden . . .</P><P class=MsoNormal>Gallenberger hat ein sehr sicheres Gespür für kunstvoll reduzierte Bilder, für emotional berührende Situationen und vor allem für aussagekräftige, spannungsvolle Gesichter voller Melancholie. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt setzt er diese Stilmittel inflationär ein. Da werden die Kamerafahrten auf einmal arg geschmäcklerisch, die vorher so sinnvoll karge Bildersprache wird kitschig und pompös. Das mag an Indien liegen, das sich einem Deutschen vielleicht nicht als ideales Land für eine Romanze empfiehlt. Die Beeinflussung durch die unnachahmlich melodramatischen, vollkommen unironischen Bollywood-Schmachtfetzen ist deutlich erkennbar und für eine anfangs so unindisch und wunderbar sparsam erzählte Geschichte einfach zu viel. Wie immer im indischen Kino regnet es ständig, der Monsun korrespondiert stets mit dem desolaten Gemütszustand der innerlich langsam zerberstenden Charaktere. </P><P class=MsoNormal>Die bengalischen Laiendarsteller, die Gallenberger verpflichtete, sind ihren Aufgaben nicht immer gewachsen. Andererseits ist der Mut Gallenbergers, einen mehr an "Vom Winde verweht"-Zeiten denn ans modern-nüchterne Kino erinnernden Film zu drehen, bewundernswert. Da traut sich einer, Politik völlig beiseite zu lassen und ausschließlich ganz tiefes Gefühl zu servieren. So was tut man heutzutage als Pathos oder zumindest Rosamunde-Pilcher-Schmalz ab. Doch "Schatten der Zeit" ist ein handwerklich anspruchsvoller, bewegender Spielfilm und überraschend anachronistisch in Thematik, Struktur und Aussage. (In München: Arri, ABC, City, Rio.)</P><P class=MsoNormal>"Schatten der Zeit"<BR>mit Tannishtha Chatterjee,<BR>Prashant Naryanan<BR>Regie: Florian Gallenberger<BR>Sehenswert</P>

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