Melancholie und Witz

- "High Noon" auf Japanisch, mit Schwertern statt Pistolen. Ein spielsüchtiger Schwertkämpfer befreit ein Dorf von mehreren rivalisierenden Mafiosi-Banden, die es drangsalieren - wie einst "Yojimbo" bei Kurosawa. Eine ernste Geschichte, die mit einem Hauch von Bauerntheater und viel formalem Witz erzählt wird. Einmal sieht man zum Beispiel die Arbeiter auf dem Feld im Rhythmus der Musik schuften - dieser Film ist stellenweise auch ein eigenwilliges Musical im Stil von Lars von Triers "Dancer in the Dark".

<P>Ein populärer Held</P><P>"Zatoichi - der blinde Samurai" erzählt eine Episode um den "Masseur" Zatoichi. Er war eine legendäre blinde Schwertkämpfer-Figur aus dem 19. Jahrhundert, die in Japan Held zahlloser, überaus populärer Romane, Comics und TV-Folgen ist. Zudem entstanden zwischen 1962 und 1989 auch noch jede Menge Zatoichi-Filme. Überdies wurde die Figur in vielen Filmen verwandelt, von Takeshi Miikes "Ichi der Killer", der in Deutschland nur auf dem Fantasy-Filmfest zu sehen war, bis hin zu dem verfilmten US-Comic "Daredevil".<BR><BR>Zatoichi ist Kämpfer, aber auch Detektiv, Clown und Spieler. Ursprünglich aber geht diese vermeintlich so urjapanische Figur auf die französische Literatur des 19.Jahrhunderts zurück: auf Balzacs Detektiv Vautrin, Hugos Jean Valjean aus "Les Misérables", auf dessen Popularisierung in der Figur Vidocqs, des degenfechtenden Gründer der Pariser Sû^reté´, der u.a. in zwei Poe-Geschichten auftaucht.<BR><BR>Zum ersten Mal dreht Takeshi Kitano einen Film, dessen Geschichten und Figuren er nicht selbst erfunden hat. Kitanos erster Kostümfilm mischt seinen typischen cool-lakonischen Humor mit computeranimierten Schwertkämpfen im japanischen Stil.<BR><BR>Rhythmisierte Kämpfe</P><P>Das heißt: Man sieht keine poetisch verlangsamte, durch Drahtseiltechnik ins Schwerelose gehobene Kampfkunst, sondern fast statisch-unbewegliche, wie am Boden festgewachsene Kämpfer, die ihre Starre nur durch sekundenschnelle, blitzartige Bewegungen unterbrechen. Ehe man erkennt, was geschieht, ist es schon wieder vorbei.<BR><BR>In anderen Beispielen des in Japan weit verbreiteten Genres hat man das schon gesehen. Kitano, der auch selbst den Part des "Zatoichi" spielt, treibt es stilistisch auf die Spitze. Oder er rhythmisiert Kämpfe, Geräusche und Schnitt. Das ist perfekt gemacht, gibt dem Ganzen aber eine Künstlichkeit, die den Betrachter auf Distanz hält. Einen europäischen Beobachter lässt "Zatoichi" daher etwas kühl im Vergleich zur elegischen Poesie von "Hana-Bi", mit dem Kitano 1997 in Venedig gewann. Weder Pathos noch Ironie dominieren; "Zatoichi" ist weder Tragödie noch Komödie. Zugleich verbindet Kitano seine melancholischen Figuren "Kishuhiro" mit dem Witz von Sonatine" oder "Hana-Bi". Zwischen kurzen Scherzen und den noch kürzeren Kampfeinlagen liegen lange Passagen, in denen viel geredet wird, aber trotzdem wenig passiert.<BR><BR>Am ehesten erinnert "Zatoichi" in seiner Struktur an einen Western - bei dem man ja den Showdown auch eine Stunde lang erwartet, bevor er endlich kommt. Kitano ist auch in diesem Fall wieder alles Mögliche, allerdings kein Gary Cooper. </P><P>(In München: Mathäser, Atelier, Cinema i. O.)<BR><BR>"Zatoichi"<BR>mit Takeshi Kitano<BR>Regie: Takeshi Kitano<BR>Sehenswert </P>

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