Melancholischer Witz

- "Guten Morgen, Sonnenschein", trällert Nana Mouskouri mehr als einmal aus dem Radio. Schlager waren schon immer kleine Fluchten im Tal des Alltags, und auch für Nike und Kathrin ist das nicht anders. Oft sitzen sie abends auf Nikes Balkon, saufen Wodka, spielen Telefonspielchen mit dem Apotheker und reden, reden vor allem über die Arbeit, die fehlt, die Hoffnung, die noch da ist, über Männer, die kommen könnten und über das Leben. Augenblicke kurzen unbeschwerten Glücks.

Wenigstens auf der Leinwand kann auch an kalten Tagen die Sonne scheinen. Andreas Dresens "Sommer vorm Balkon" ist eine bittersüße, sehr entspannte und von mediterraner Musik durchzogene Geschichte vom Überleben in schweren Zeiten. Nadja Uhl und Inka Friedrich spielen herausragend diese zwei Freundinnen, die im gleichen Haus am Prenzlauer Berg leben.

Dabei gelingen sehr dichte, jedoch ungewohnte Eindrücke aus dem Berlin der Gegenwart, durchzogen von einem humorvoll-melancholischen Grundton und sehr viel schnoddrigem "typisch Berliner" Witz. "Sommer vorm Balkon" folgt seinen Figuren auf der Suche nach Liebe und Glück, zeigt ihren Alltag, zum Beispiel Nike, die tagsüber mit burschikosem Charme Alte und Kranke pflegt.

Ganz beiläufig entsteht auf diese Weise durch die Perspektive der Hauptfiguren auch das tragikomische Porträt einer Gesellschaft, die von innerer Unsicherheit geprägt ist, ohne sich wirklich am Abgrund zu befinden; eine präzise, leise, undramatische Momentaufnahme - und damit natürlich auch ein überzeugender Blick auf die deutsche Wirklichkeit. "Sommer vorm Balkon" gehört einem ganz bestimmten Typ von Berlin-Filmen an, die eine neue Farbe ins deutsche Kino bringen. Man könnte vom "Hartz IV-Kino" sprechen: wehmütige, trotzdem witzige Geschichten von Krise und sozialem Verfall, die von ihren Darstellern leben, Übermut mit wachem Sinn für soziale Verhältnisse verbinden und in östlichen Stadtteilen Berlins spielen.

Sie schauen dem Leben bei der Arbeit zu, und in ihrem unverklärten Blick liegt ein Hauch von Defa, in dem sich auch Wessis ganz gut wiederfinden können. Diese Filme bilden Konturen eines zukünftigen deutschen Kinos in einer Zeit, in der Politik unberechenbar wird und die Realität sich gerade dort zurückmeldet, wo sie mit Macht verdrängt wird. Vielleicht werden Dresen und Co die Frears und Loachs einer Maggie Merkel. Auch wenn Dresens schönem Film die letzten Abgründe fehlen, muss man, um die Wirklichkeit zu sehen, nur vom Balkon schauen.

"Sommer vorm Balkon"

mit Nadja Uhl, Inka Friedrich,

Regie: Andreas Dresen

Hervorragend

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