Mensch, jetzt sag' doch endlich was

München - Man kennt sie aus Kinofilmen wie "Aimée und Jaguar" oder "Nirgendwo in Afrika", als Elisabeth I. oder Marianne ("Geschichten aus dem Wiener Wald") im Münchner Residenztheater. Dort sieht man sie derzeit aber auch als eiskalten Engel Marie in Martin Ku(s)ejs "Woyzeck"-Inszenierung.

Die Rolle der unnahbaren Haftentlassenen Alex in dem Film "Mondkalb" (ab Donnerstag in den Kinos), die wegen versuchten Totschlags am eigenen Mann einige Jahre im Gefängnis saß und nun in der ostdeutschen Provinz einen Neuanfang versucht, scheint ein wohlüberlegter Gegenentwurf zu sein zu den Figuren, die Juliane Köhler momentan auf der Bühne spielt. "So viel bewusste Planung steckt gar nicht dahinter", sagt sie. "Es gibt einfach Rollen und Projekte, die kann man nicht ablehnen."

-"Mondkalb" ist ein Film, in dem wenig gesprochen wird, schon gar nicht über Gefühle. Und doch dreht sich letztlich alles nur darum . . .

Es ist ein Film über drei vollkommen verschlossene Menschen. Nur geht jeder anders damit um. Der Mann redet wie ein Wasserfall, der Junge macht ständig Quatsch, und meine Figur der Alex spricht praktisch nicht.

-Ist eine so wortkarge Rolle schwer zu spielen?

Keine Frage, diese Verschlossenheit von Alex darzustellen, das war nicht einfach, da man sich als Schauspieler immer zuerst über den Text definiert. Während meiner Ausbildung mussten wir einmal eine Szene aus Ingmar Bergmans "Persona" nachspielen. Zwei Frauen, eine spricht nicht. Meine Schauspiellehrerin Uta Hagen sagte damals: Die schwerere Rolle ist die stumme. Das habe ich anfangs nicht verstanden und freute mich nur, dass kein Text zu lernen war. Als ich mich an die Rolle in "Mondkalb" herangetastet habe, musste ich wieder daran denken.

-Wie sind Sie beim Herantasten vorgegangen?

Man muss für sich selbst wahnsinnig viel bauen, um die Seele dieser Figur sichtbar machen zu können. Die allergrößte Hilfe war für mich die Regisseurin Sylke Enders. Sie hat das Buch geschrieben, und es hat mir unglaublich geholfen, dass sie sehr klar war und genau wusste, was sie will. Sie hatte die Tonlage, diesen Blick, die ganze Körperlichkeit der Alex in sich. Dieses Düstere, Wortkarge, das habe ich alles aus Sylke herausgezogen. Bei anderen Rollen baue ich mir normalerweise eine Art Partitur und gehe jede Szene einzeln durch, wie sich die Figur da oder dort verhalten würde. In "Mondkalb" habe ich mir die Rolle mehr über eine Art emotionales Gedächtnis erschlossen. Ich habe stark über das Gefühl versucht, an diese Alex heranzukommen.

-Manche Kollegen hätten sich mindestens eine Woche in einer Gefängniszelle einschließen lassen, um sich korrekt in eine Ex-Knacki einfühlen zu können . . .

Was uns zu Profis macht, ist doch die Tatsache, dass man in eine Rolle ein- und aussteigen kann. Dass ich mich so vorbereiten und so konzentrieren kann, dass ich quasi auf Knopfdruck loslegen kann. Eben ganz nach Belieben ein- und auch wieder aussteigen kann. Vor der laufenden Kamera. Oder abends zu Beginn der Vorstellung. Sonst hätte ich mich ja vier Wochen in meine Rolle hineinatmen müssen und dürfte dann nur in meinem Wohnmobil auf das Kommando "Klappe" warten. So arbeite ich nie. Wenn man das nicht kann, wird man verrückt, denke ich. Oder fängt an zu trinken. Denn man kann nicht abends die Medea spielen und anschließend als Medea ins Bett gehen. Man muss da irgendwie wieder herausfinden.

-Was hat Sylke Enders zu diesem sperrigen Charakter inspiriert?

Das weiß ich gar nicht genau. Sie lässt sich ständig und von allem um sich herum anregen. Was sie in der Zeitung liest, was die Nachbarin erzählt oder was im Fernsehen gezeigt wird. Ich achte aber für mich als Schauspielerin immer darauf, dass ich nicht zu viel weiß über die Entstehung der Person. Gerade bei einem solchen Stoff wie "Mondkalb" erschien mir das besonders wichtig. Bei "Aimée und Jaguar" war das ganz anders. Da existierte eine Buchvorlage, es gab eine lebendige Person, da habe ich natürlich geforscht ohne Ende, bis ins hinterste Detail. Auch bei "Nirgendwo in Afrika" war das so. Aber diesmal war mir instinktiv von Beginn an klar, dass ich anders an die Figur herangehen muss.

-Die Alex ist sehr spröde. Es dauert, bis man im Film mit ihr warm wird. Sprang beim Lesen der Funke sofort über?

Ja. Ich war sofort fasziniert. Vielleicht allein deswegen, weil mir das Verhalten von Alex persönlich total fremd ist. Sie hält sich aus allem heraus. Ich bin das absolute Gegenteil. Ich möchte immer alles auf der Stelle klären. Das will Alex nie.

-Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich jetzt den fertigen Film ansehen?

Ich bin froh, ihn gemacht zu haben, und er gefällt mir sehr gut. Das kann ich nicht von allen Produktionen sagen, an denen ich beteiligt war. Trotzdem denke ich mir in manchen Szenen: "Mensch, jetzt sag' doch endlich was!", "Jetzt umarme ihn doch!" Aber es geht eben nicht. Die Alex ist halt so. Ich nicht.

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