Menschheitsthemen

- Spannung, wie man sie in diesem Jahr am Lido bei den Filmfestspielen von Venedig noch nicht erlebt hatte: Schon eine halbe Stunde vor der ersten Vorführung von "Dolls", dem neuen Film von Takeshi Kitano, der hier vor einigen Jahren bereits mit "Hana-Bi" gewann, bildeten sich Schlangen vor den Kinoeingängen. Eine fast weihevolle Stimmung herrschte, die Menge schien ruhiger als sonst.

<P>Als der Film dann begann, überwog zunächst die Überraschung: Zehn Minuten lang schaut die Kamera einer Aufführung des traditionellen Bunraku-Theaters zu: Zwei schwere Holz-Puppen werden von jeweils drei Spielern bewegt. Danach geht ein Kirschblütenregen nieder, ein quietschgelbes Auto fährt durch die Landschaft, tiefrote Herbstblätter hängen an den Bäumen. Später blendend weißer Schnee. Allein seine Farben machen "Dolls" schon zu einem Erlebnis. Ein bildersatter, in seiner Zärtlichkeit und Poesie unmittelbar berührender Film. </P><P>Er schildert eine intensive, stille Liebesgeschichte. "Amour Fou" ohne Zweifel, aber eine der erstickten Art, in der sich Ekstase nach innen wendet, sich nur wie im Bunraku-Theater in den kleinsten Akzentverschiebungen der Gestik und der Sprache abzeichnet. Man bekommt die Geschichte dreier Paare erzählt, deren Liebe jeweils scheitert, sich aber auf andere, höhere Art gleichzeitig doch erfüllt. "Dies ist mein gewalttätigster Film", sagte der Regisseur bei der Pressekonferenz, und, obwohl hier im Gegensatz zu seinem letzten Werk, dem Mafiadrama "Brother", kein Tropfen Blut fließt, meint er das nicht nur ironisch. Vielmehr erscheint Kitano mehr denn je als der große Romantiker im sowieso schon romantischen japanischen Kino.</P><P>Und mit "Dolls" katapultiert er sich erwartungsgemäß in die vorderste Reihe eines eher schwachen, jedenfalls konturlosen Wettbewerbs. Endlich ein Film, wie man ihn in einem Festival wie diesem öfters erwartet: Universale Menschheitsthemen werden auf künstlerisch kompromisslos hohem Niveau berührt. </P><P>Steven Frears gelang das nicht: Mit "Dirty Pretty Things" kehrt er zwar zurück in die Welt seiner Anfänge ("Mein wunderbarer Waschsalon"): überlebenstüchtige Underdogs in der kalten Metropole London. Diesmal handelt es sich um illegale Ausländer, die in jeder Hinsicht ausgebeutet werden. Frears verbindet hier Liebesgeschichte und Thriller. Allzu spürbar ist jedoch die gute Absicht. So ist die Arbeit nicht mehr als guter Durchschnitt. Hohes Niveau boten an den letzten Tagen dagegen Filme, die außer Konkurrenz gezeigt wurden: etwa "11'09''01 September 11".</P><P>Der Episodenfilm ist eine Zusammenarbeit von 11 Regisseuren aus aller Welt, darunter Ken Loach, Samira Makhmalbaf, Claude Lelouch und Youssef Chahine. Völlig frei in der Gestaltung erhalten sie Gelegenheit, in Kurzfilmen von exakt 11'09 Minuten ihre persönlichen Gedanken zu den New Yorker Terrorakten in Bilder zu fassen. Das Ergebnis ist ein spannendes Werk, dessen Reiz gerade in der Vielfalt der Perspektiven liegt. Perfekt ist zwar keiner dieser Filme, aber es gibt eindringliche Bilder und viel Stoff zum Nachdenken.</P><P>Am besten gelingt der Beitrag Ken Loachs, der so sensibel wie kämpferisch, dabei ohne alle Häme oder politische Einseitigkeit daran erinnert, dass der 11. September noch das Datum eines anderen Anschlags auf die Freiheit (George W. Bush) war: des von den USA finanzierten Militärputsches gegen die chilenische Demokratie.<BR><BR></P>

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