Menschlichkeit hat Vorrang

- Allen Befürchtungen zum Trotz: Man kann "Das fliegende Klassenzimmer" verfilmen - zeitnah, die literarische Vorlage im Auge. Und es wird kein billiger Abklatsch, sondern ein wunderschöner Kinderfilm, der zu Herzen geht - ohne Klamauk, ohne Klimbim und auch ohne Nachahmung der beiden früheren Verfilmungen (1954 mit Paul Dahlke und 1973 mit Joachim Fuchsberger).

<P></P><P>Regisseur Tomy Wigand versetzt die Geschichte von Jonathan, Martin, Matz, Uli und dem schönen Theo ins Internat des Leipziger Thomanerchors und gibt ihr damit einen deutsch-deutschen Gegenwartsbezug. Das Drehbuch (Henriette Piper) straffte zusätzlich die Handlung. Die Rolle des gegnerischen Anführers Egerland spielt jetzt ein Mädchen. Damit wird die Geschichte aus dem Kreis einer reinen Bubenschule herausgerückt.</P><P>All diese Abweichungen von Erich Kästners Buch geben dem Film sein unverwechselbares Gesicht. Dennoch erkennt auch der treueste Kästner-Fan die Vorlage wieder: Da ist ganz klar Professor Kreuzkamms Aufruf zur Zivilcourage, als Uli im Papierkorb über den Köpfen der Klasse schaukelt: "An allem Unfug, der passiert, sind nicht nur die schuld, die ihn begehen, sondern auch die, die ihn nicht verhindern." Ein Satz, der 1933 zur Entstehungszeit des Romans an Brisanz nicht zu überbieten war. Und da ist auch das leidenschaftliche Plädoyer von Justus für den Vorrang der Menschlichkeit vor den Regeln der Anstalt. Vor allem aber propagieren Buch wie Film den zentralen Wert der Freundschaft. Dazu kommen bei den Kindern noch die Elemente des Großwerdens: für das einstehen, was man getan hat; einander nicht im Stich lassen; und schließlich - hier wagt der Film einen Alleingang am Buch vorbei - die ersten zarten Anfänge einer jungen Liebe.</P><P>Das gänzlich geglückte Drehbuch fand auch eine durchweg hervorragende Besetzung: Die zehn- bis zwölfjährigen Jungdarsteller Hauke Diekamp (Jonathan), Philipp Peters-Arnolds (Martin), Frederick Lau (Matz), Hans Broich-Wuttke (Uli) und Franç¸ois Göske (Kreuzkamm junior) sind an Feuereifer und Spielfreude nicht zu übertreffen, aber sie spielen nicht allein. Tomy Wigand hat für lebendige Hintergründe gesorgt und die Bilder sorgsam durchgestaltet. Musik, Kamera und Lichtführung arbeiten Hand in Hand, binden den Zuschauer in die Erzählung ein und lassen ihn an den herzlichen Verhältnissen der Freunde teilnehmen.</P><P>Der Star der Truppe ist jedoch unbestreitbar Ulrich Noethen. Er meistert den Justus mit Bravour und zeichnet Kästners Lehrerideal mit feinen Nuancen. Es ist ein Erlebnis zu sehen, wie Noethen sich nach einer witzigen Bemerkung von Matz zunächst abrupt umdreht, um nicht von den Schülern gesehen zu werden, wie erst ein amüsiertes Schmunzeln über sein Gesicht huscht, um Sekunden später in einer strengen Miene einzufrieren. Unmittelbar darauf lässt er einen seiner strohtrockenen Kommentare los. Noethen braucht nicht in die Melodramatik von großen Gesten auszubrechen, kleine Bewegungen setzen in seinem Spiel große Akzente. Und das kommt gut an - nicht nur bei Kindern. (In München: Marmorhaus, Maxx, Royal, Leopold, Museum, Cinema i. O.) </P><P>"Das fliegende Klassenzimmer"<BR>mit Ulrich Noethen, Hauke Diekamp, Frederick Lau, Hans Broich-Wuttke, Franç¸ois Göske<BR>Regie: Tomy Wigand <BR>Hervorragend</P>

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