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Die Sonne ist die Hölle auf Erden: Hannah Herzsprung hat in „Hell“ Angst vor der Apokalypse.

Merkur-Film der Woche: Hell - Mehr Licht!

Irgendwann hat das deutsche Kino die Schwarze Magie des Genre-Kinos verlernt. Jetzt gibt’s wieder einen ernstzunehmenden Wiederbelebungsversuch. Dessen Motto könnte „Mehr Licht!“ heißen.

Ironischerweise ist es in „Hell“ nicht die Dunkelheit, vor der man Angst haben muss. Sondern die Hölle der Helligkeit: Die Sonne ist in dieser Fantasie-Zukunft zum sengenden Strahlenball geworden. Eine filmische, visuell unmittelbare Form der Apokalypse. Die von Anfang an eine der großen Qualitäten von Tim Fehlbaums Spielfilmdebüt offenbart: „Hell“ versteht, dass Horrorfilm ein Schattenspiel ist, dass er vom Sehen und vom Unsichtbaren handelt (Kamera: Markus Förderer), und von Räumen mehr als von Menschen.

Das gleißende Weiß draußen erlaubt es dem Film plausibel, diese Räume eng zu machen, die Welt in der Überbelichtung verschwinden zu lassen und sich auf die Überlebensraum-Nischen der Protagonisten zu konzentrieren. Seine Grundkonstellationen sind von archaischer Einfachheit. Die erste Hälfte ist ein postapokalyptischer Roadmovie. Marie (Hannah Herzsprung), ihre junge Schwester (Lisa Vicari) und der latent nervige Zweck-Freund Phillip (Lars Eidinger) versuchen, durch die verbrannte Leere die Alpen zu erreichen, wo gerüchtehalber noch Wasser zu finden ist. Unterwegs begegnen sie einem taffen Fremden (Stipe Erceg) – doch nicht der erweist sich als Problem: In der zweiten Hälfte mutiert der Film zum Hinterwäldlerhorror mit kannibalistischer Bauernfamilie.

Es ist zugegebenermaßen die erste Hälfte die interessantere: Wie der doppelsprachige Titel zugleich international und regional, so ist dies eine gelungene Übersetzung einer etablierten Genre-Ikonographie in die deutsche Landschaft. Seine Vorbilder lässt der Film durchweg zahlreich erkennen – aber er hat sie kapiert und dann erst kopiert. So wird in „Hell“ auch nicht mehr als das Nötigste geredet und erklärt: Es ist ein Film des Zeigens und Handelns. In dem eine Erste-Sahne-Auswahl deutscher Jungschauspieler beweisen darf, dass sie Intensität und Psychologie auch in purer Aktion ausdrücken können. Vor allem Hannah Herzsprung in einer derart physischen Rolle ist eine kleine Offenbarung. „Hell“ ist ein guter Genre-Film. Und nicht bloß „für deutsche Verhältnisse“: Die größere Auszeichnung als der Förderpreis auf dem Filmfest München ist der „Fresh Blood Award“ des in Sachen Genre unbestechlichen, heimischen Produktionen gegenüber skeptischen Fantasy Filmfest-Publikums.

Thomas Willmann

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