Das ist für mich eine Sensation

- Das ist eine Karriere! Vor drei Jahren erst stellte Hans Steinbichler auf dem Münchner Filmfest seinen Debütfilm "Hierankl" vor und gewann prompt den Förderpreis Deutscher Film. Und das, obwohl sich der gebürtige Schweizer und Absolvent der Münchner HFF damals keinerlei Chancen ausrechnete: "Ich kannte die Konkurrenz und dachte: Gut, das war's dann." Dass er alle übertrumpfen könnte, ahnte er nicht. "Und dass es jetzt eine Art Kontinuität gibt und mein neuer Film sogar das Festival eröffnen wird, ist für mich schlicht eine Sensation", freut sich Steinbichler.

"Der Preis aus München hat meiner Karriere vor drei Jahren einen großen Schub gegeben. Jetzt ist ,Winterreise’ die erste deutsche Produktion seit Katja von Garniers ,Bandits’ vor zehn Jahren, die das Festival eröffnet. Das ist wirklich großartig. Schließlich ist der Film nicht unbedingt leichte Kost."

Der Filmtitel erinnert an Franz Schuberts gleichnamigen Liederzyklus.

Hans Steinbichler: Ich bin niemand, der lange nach einem minutiös ausgefeilten Plot fahndet. Mir ist die emotionale Ebene der Handlung immer wichtiger als die sachliche, und ähnlich intuitiv suche ich auch nach einem Filmstoff. Ein Produzent erzählte mir die Story von "Winterreise" in ein paar Sätzen. Die Initialzündung bildeten dann zwei Namen, die mir spontan dazu durch den Kopf gingen: Bierbichler und Schubert. Schubert bedeutet für mich einfach wahnsinnig viel, und diesen wunderbaren Komponisten in einem Film in irgendeiner Weise mit dem Sepp zusammenzubringen, das hat mich unglaublich gereizt. Abgesehen davon wollte ich etwas erzählen über den abrutschenden Mittelstand. Das ist eine sehr aktuelle Geschichte, denke ich.

Josef Bierbichler gilt als sehr eigenwillig. Sie aber können offenbar gut miteinander.

Steinbichler: Mit dem Sepp muss man eine Ebene finden, die keinesfalls von Macht geprägt sein darf. Wenn man sich als Regisseur einbildet, man hätte Macht über einen Schauspieler wie den Sepp, kann man nur verlieren. Ich glaube, in seinem Innersten verabscheut er die allgemein verbreitete Hierarchie von Regisseur zu Schauspieler. Dass ihm, dem stolzen Großbauern vom Starnberger See, jemand erzählt, was er zu tun hat, das funktioniert nicht. Und das ist bei uns auch nicht der Fall. Wir hatten von Anfang an eigentlich ein familiäres Verhältnis. Ich fühle mich eher als Sohn, aber als Sohn werde ich auch sehr ernst genommen.

Die Story rund um einen betrügerischen kenianischen Geschäftsmann kommt eher am Rande vor.

Steinbichler: Im Zentrum steht letztlich ein Mann, der manisch-depressiv ist. Dieses Krankheitsbild wollte ich aber nur punktuell aufscheinen lassen, nur an kleinen Wegkreuzungen der Geschichte. Ich wollte die Krankheit nicht pathologisch erscheinen lassen, sondern zeigen: Was empfindet ein solcher Mensch eigentlich? Es geht mir ausschließlich um die Emotionen. Mein Film ist der Versuch, das Melodram dieser Figur auszuloten.

Ein Teil des Films spielt in Kenia.

Steinbichler: Franz Brenninger ist ja ein Mensch, der von seinen Ängsten und Nöten so geplagt ist, dass er wie an einer Schnur gezogen nach Afrika geht. Das war mein Bild. Dass der hingeht, wo wir letztlich alle herkommen, und dort in der Landschaft verschwindet.

Und wie passt da Sibel Kekilli als Dolmetscherin hinein?

Steinbichler: Als ich am Drehbuch schrieb, wurde mir bewusst, dass ich ein Gegengewicht zum Sepp benötigte. Der Film sollte schließlich keine Bierbichler-Show werden. Also brauchte ich eine starke Partnerin. Jung sollte die Begleiterin auch sein, die ich dem Sepp da zur Seite stellen wollte. Ich suchte eine Schauspielerin mit einer bestimmten Leuchtkraft. Eine, bei der man als Zuschauer gleich ein paar Charakterzüge erahnt, ohne tatsächlich etwas über sie zu wissen. Das ist eben Sibel Kekilli für mich. Mir erschien es als gute Konstruktion, dem Sepp Bierbichler, der alles überrollt, jemanden entgegen zu stellen, der das ebenfalls kann, wie man seit "Gegen die Wand" weiß.

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