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Aufbruch in eine bessere Zukunft: Sean Penn begeistert als Harvey Milk.

Film der Woche

„Milk“: Zum Leben erweckt

Im Flair der Siebzigerjahre: Gus Van Sants sehr zeitgemäße Arbeit über den Schwulen-Aktivisten Harvey Milk

Man sieht es, aber man glaubt es kaum: Sean Penn, der seine Karriere als Parade-Macho begann, derselbe Sean Penn, dessen Markenzeichen auch heute noch seine viril einschüchternde Ausstrahlung ist, dieser Sean Penn also spielt einen etwas linkischen und freundlichen Schwulen-Aktivisten. Nun hat Penn immer mal wieder gegen sein Image angespielt, aber noch nie war er so überzeugend, so virtuos darin, seine ausgeprägt physische Aura der Rolle unterzuordnen. Weich wirkt Penn hier, auf irritierende Weise fast schüchtern und doch charismatisch. Penn spielt den homosexuellen Politiker Harvey Milk nicht einfach, er erweckt ihn zum Leben.

Milk war 1977 als bekennender Homosexueller in den Stadtrat von San Francisco gewählt worden und hatte ebenso eifrig wie pragmatisch für Bürgerrechte gekämpft. Natürlich vor allem gegen die Diskriminierung von Homosexuellen, aber nicht nur. Schon 1978 war alles aus – Milk wurde von einem ehemaligen Stadtrats-Kollegen erschossen. Regisseur Gus Van Sant hat daraus nicht das verklärende Rührstück gemacht, das es hätte werden können. Und zwar weil er die Geschichte und den Mann, den er porträtiert, ernst nimmt. Homosexualität ist das Thema, aber es geht in Wahrheit um mehr. „Milk“ ist kein Nischenkino, widersetzt sich der Gefahr, nur als Heiligengeschichte für die schwule Gemeinde wahrgenommen zu werden. Van Sant geht es nicht um die Tatsache, dass Milk schwul war, sondern wofür der Mann stand.

Harvey Milk hat für grundlegende Werte gestritten: Freiheit und Gleichheit. Er wollte wegen seiner sexuellen Neigung nicht benachteiligt, aber auch nicht darauf reduziert werden. Genau diese Fokussierung auf ein Wesensmerkmal ist die Voraussetzung für eine unfreie, ungerechte Gesellschaft. Was geschieht, wenn wir beispielsweise nur noch auf Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit eingedampft werden?
Van Sant schlägt geschickt den Bogen direkt in die Gegenwart, auch wenn er hingebungsvoll die Farben, das Flair, die Stimmung der Siebzigerjahre wieder aufleben lässt. Aber selbst das ist ein raffinierter Trick, der „Milk“ sehr viel politischer macht, als man auf den ersten Blick glauben könnte.

Van Sant beschwört hier eine Zeit, in der Optimismus herrschte, in der viele an den Aufbruch in eine bessere Zukunft glaubten. Es war eine Ära, in der die Menschen nicht den Eindruck hatten, dass die Politik von ökonomischen Überlegungen dominiert wird, in der Menschen noch kein „Humankapital“ waren. Nicht Konsument, sondern Bürger war man und konnte an einer Gemeinschaft mitwirken. Harvey Milk nahm sein politisches Mandat wahr, weil er konkrete Ziele umsetzen wollte und nicht, um Berufspolitiker zu werden.

All das transportiert Van Sant in seinen Film, und das macht ihn so bemerkenswert, weil man als Zuschauer unwillkürlich etwas wieder entdeckt, was völlig verloren schien: Leidenschaft für Politik. (In München: Mathäser, Arri, Münchner Freiheit, Arena, Atlantis OmU, Cinema OV.)

Von Zoran Gojic

„Milk“

mit Sean Penn, James Franco
Regie: Gus Van Sant
Hervorragend

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