Hollywood und das „Crowdfunding“

Mit den Millionen der Zuschauer

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Hollywood hat das „Crowdfunding“ entdeckt. Bislang finanzierten Internetnutzer und Zuschauer eher kleine Projekte unbekannter Künstler. Doch immer mehr etablierte Filmschaffende reizt die Unabhängigkeit durch das Geld der Fans. Es geht um Millionen.

Eigentlich hätten sich die Studios um Zach Braff reißen müssen. Als der Schauspieler, den man nur als Nachwuchsarzt in der Fernsehserie „Scrubs“ kannte, 2003 seinen ersten Film als Regisseur drehte, gelang ihm ein Überraschungshit. „Garden State“, ein Independentfilm über das Erwachsenwerden eines Mittzwanzigers, eine Liebesgeschichte mit einem guten Schuss skurrilen Humors, bekam nicht nur Lob von den Kritikern. Mit einem bescheidenen Budget von 2,5 Millionen Dollar spielte Braffs Kinodebüt mehr als 35 Millionen Dollar ein.

Er habe „Garden State“ nur finanzieren können, weil ein Investor, der gar nichts mit der Unterhaltungsbranche zu tun hatte, an sein Drehbuch geglaubt habe, erzählt Braff heute. Auch Schauspielerin Natalie Portman, damals noch ohne Oscar, aber schon ein Star aus den „Star Wars“-Filmen, gefiel die Geschichte, deshalb sagte sie für eine kleine Gage als Hauptdarstellerin zu.

Doch dann passierte fast zehn Jahre lang wenig. Der 38-jährige Braff spielte in ein paar Filmen mit, schrieb ein Theaterstück, doch um den Drehbuchautor und Regisseur Zach Braff wurde es sehr still – bis zum vergangenen Mittwoch. An diesem Tag startete er im Internet bei der Crowdfunding-Plattform www.kickstarter.com den Aufruf, seinen nächsten Film „Wish I Was Here“ zu finanzieren. Der Appell richtete sich, wie beim Crowdfunding üblich, nicht an Hollywood-Produzenten mit großen Budgets, sondern an Fans. Denn auch wenn jeder Einzelne nur ein paar Dollar gibt, geht es um Millionen – die Crowd, zu Deutsch: die Menge, macht’s.

Er sei kurz davor gewesen, einen der üblichen Studio-Deals einzugehen, um den Film zu verwirklichen, für den er zusammen mit seinem Bruder Adam auch das Drehbuch geschrieben hat, erzählt Braff. Doch die „Money-People“, wie Braff die Studio-Bosse nennt, wollten von ihm im Gegenzug für ihr Geld das Recht des „Final Cut“. Das heißt, nicht er als Regisseur hätte über die Endfassung des Films entschieden, sondern das Studio. Auch bei der Besetzung hätten die Geldgeber das letzte Wort gehabt. Braff gewährt in seinem Finanzierungsaufruf einen Blick hinter die Kulissen großer Produktionen. Als Filmemacher bekomme man eine kurze Liste mit Namen von Schauspielern, aus denen man wählen dürfe. „Die Namen werden durch einen Algorithmus gejagt, und ein Computer errechnet auf Basis ihrer bisherigen Erfolge, wie viel Geld man mit dem Verkauf der Auslandsrechte einnehmen kann“, schreibt Braff. All das will er nun mit dem Geld seiner Fans umgehen.

Auf die Idee sei er gekommen, als er den Erfolg einer anderen Hollywood-Produktion gesehen habe, schreibt Braff. Vor wenigen Wochen trieben die Macher der 2007 abgesetzten Fernsehserie „Veronica Mars“ Geld für einen Kino-Ableger der Reihe auf. Eigentlich hatten sie sich als Ziel vorgenommen, zwei Millionen Dollar einzusammeln, die Fans waren so begeistert, dass am Ende sogar mehr als 5,7 Millionen zusammenkamen.

Auch Braff bittet seine Fans nun um zwei Millionen Dollar – es dauerte nur zwölf Stunden bis zur ersten Million. Als Gegenleistung bietet er allerlei Schnickschnack: Für eine Zehn-Dollar-Spende darf man das Produktionstagebuch im Netz mitlesen, für 100 Dollar gibt es ein Ticket für eine Sondervorführung des fertigen Films, und für 10 000 Dollar bekommt ein Unterstützer sogar eine Sprechrolle in „Wish I Was Here“. Gleich am ersten Tag war ein Spender bereit, die Summe zu bezahlen. „Ich hoffe, er oder sie kann schauspielern“, schrieb Braff als Reaktion bei Twitter.

Doch im Netz gab es nicht nur positive Reaktionen. Viele Nutzer kritisieren, dass Braff das Crowdfunding nutze, obwohl er es nicht nötig hätte. Diese Form der Geldbeschaffung sei für kleine Projekte unbekannter Menschen gedacht. Braff solle eigenes Geld in den Film stecken. Tatsächlich sind hier keine Amateure am Werk. Zur Crew gehören viele, die bei „Garden State“ mitgearbeitet und inzwischen Karriere gemacht haben wie Kameramann Larry Sher („Hangover“), Produzentin Stacey Sher („Django Unchained“) und Produktionsdesignerin Judy Becker („Silver Linings“).

Braff reagierte prompt: Er werde selbstverständlich eigenes Geld in den Film stecken, könne sich die Produktionskosten allein aber nicht leisten, schrieb er. Er werde sich um die Differenz zwischen den gesammelten Spenden und den tatsächlichen Kosten kümmern. „Ich werde im August diesen Film drehen, komme, was da wolle“, sagte Braff in einem Interview mit der Internetseite „Buzzfeed“. Keine besonders mutige Aussage. Schließlich steht die Spendenuhr schon am Freitagnachmittag bei knapp 1,8 Millionen Dollar.

Philipp Vetter

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