Ein missglücktes Leben

- Ein Mann am Ende - seiner Arbeit, seines Lebens, seines Selbstbetrugs. Warren Schmidt ist ein Angehöriger der Mehrheitsschicht: ein Versicherungsangestellter mit Frau und erwachsener Tochter, Haus in der Vorstadt, großem Kühlschrank und kleinen Träumen. Es bedarf schon mehrerer kurz aufeinander folgender Hiebe, damit er dauerhaft gestört wird in seinem Zustand bequemen Dahinvegetierens, der mit schlafen, essen und fernsehen noch gut 20 Jahre hätte so fortdauern können.

<P></P><P>Schmidt geht in Rente, und schon wenige Wochen später muss er sich eingestehen, dass die Arbeit seiner letzten Jahre keinen mehr interessiert, dass man trotz aller schönen Worte zum Abschied froh war, ihn endlich los zu sein. Kurz darauf stirbt seine Frau, mit der er schlecht und recht zusammen lebte, und bei der Beerdigung wird auch die emotionale Ferne zu seiner geliebten Tochter unleugbar. Auf einmal muss Schmidt der Leere ins Auge sehen: Er ist müde und fertig. Und auch die Briefe, die er Ndugu, seinem 22-Dollar-Patenkind in Tansania, regelmäßig schreibt, können nicht darüber hinweg täuschen, dass keine Hoffnung mehr ist.</P><P>Jack Nicholson spielt diesen Schmidt großartig: mit an Selbstentblößung grenzender Wahrhaftigkeit, völlig ungeschönt und erstaunlich souverän als schwachen, hässlichen Alten, unsentimental und nuanciert, mit stillem Humor. Eine scharf beobachtete Psychostudie über unterdrückte Gefühle und missglücktes Leben. Wenn dieser schwache, traurige Mann mit dem Wohnmobil losfährt und der Film für eine Weile zum Road-Movie wird, ist dies nicht Aufbruch, sondern Flucht aus Schwäche, ein Weglaufen vor dem Nichts.</P><P>Für Alexander Paynes "About Schmidt" wurde Louis Begleys Roman-Vorlage stark verändert: Aus dem wohlhabenden, elegant gekleideten New Yorker Staranwalt ist ein Middle-West-Spießer aus Nebraska geworden. Doch die Substanz der Geschichte blieb erhalten: eine leise, ironische Tragödie über die innere Leere der Durchschnittsexistenz im Wohlstandskapitalismus. Schmidt ist ein Archetyp der amerikanischen Moderne, ein naher Verwandter von Millers Handlungsreisendem oder Updikes Rabbit. Und wie Begleys Buch stellt Paynes Film nicht allein dem längst verblassten "American Dream" die Diagnose, sondern dem Dasein in allen Gesellschaften des Westens: ein Dahinleben in Reichtum, Angst und Depression.</P><P>Nur ein wenig zu stark bittet der Film manchmal um die Gunst des Publikums, flirtet mit geheimem Einverständnis. Dabei hätte er das gar nicht nötig, gelingt hier doch, was nur selten klappt: Dass sich jeder Betrachter ganz direkt im Kunstwerk wiederfinden kann. (In München: Arena, Tivoli, Atelier i. O., Cinema i. O.)</P><P>"About Schmidt"<BR>mit Jack Nicholson<BR>Regie: Alexander Payne<BR>Hervorragend </P><P><BR> </P>

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