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Schauspieler Ulrich Tukur zieht in der Titelrolle bis zuletzt die Zuschauer in seinen Bann.

Heldengemälde statt Faktentreue

„John Rabe“ von Regisseur Florian Gallenberger misstraut seiner Geschichte und dem Publikum

Darf man das? Nach einem zweistündigen Film, in dem man sieht, wie Frauen vergewaltigt werden und tausende Menschen in den Tod gehen, darf man dann sagen: „Schon schrecklich – aber ein schöner Film“? Die Antwort entscheidet, was von „John Rabe“ zu halten ist. Denn Florian Gallenbergers Film, ausgehend von Ereignissen rund um das „Massaker von Nanking“ im Winter 1937/38, ist „ein schöner Film“: Eine Geschichte vom Überleben der Einzelnen inmitten des Sterbens der Massen, erzählt als technisch gelungenes, solide inszeniertes Spektakelkino, mit Effekten und Massenszenen. Er hat mit Ulrich Tukur einen charismatischen Darsteller, der überzeugend auch schwierigere Klippen meistert und bis zur letzten Minute in Bann zieht. Auch die weiteren Rollen sind durchweg interessant besetzt.

Jürgen Jürges’ Kamera ist dagegen ein gewisser Zwiespalt anzumerken: Einerseits will er spürbar die eindrucksvollen Bilder für das Breitwandformat des Kinos. Aber immer wieder muss er das Bild eindämmen auf die Enge des Fernsehschirms, wo der vom ZDF mitfinanzierte Film bald als Zweiteiler laufen wird. Nervtötend ist die ebenso eindimensionale wie manipulative Klangsoße von Annette Focks. Ihre Musik lässt dem Zuschauer nie die Freiheit, selbstständig zu fühlen, und ist einer der größten Minuspunkte dieses Films.

Der große Pluspunkt ist neben dem Hauptdarsteller, seine Hauptfigur und dessen wahnwitzige Geschichte: Rabe, seit 30 Jahren in China, war aus Opportunismus der NSDAP beigetreten – und dennoch standfest im Angesicht der mordenden Japaner. Er sah deren Rassismus und Verbrechen, glaubte aber inbrünstig an das Gute in Hitler und warb per Brief um dessen Intervention beim Verbündeten. Rabe riskierte sein Leben für Unbekannte und rettete so 200 000 Menschen vor dem Tod. Der Film erzählt das weitgehend faktentreu nach. Aber an wichtigen Stellen misstraut er sich selbst und seiner Hauptfigur und weicht von der Historie ab: Rabes Charakter wird glattgebügelt, dazu wird ein Nazi erfunden, auf den alles Böse projiziert wird. Zusammen mit der völligen Ignoranz des Films gegenüber den Chinesen ergibt dies einen allzu glatten Film, der sich für die Widersprüchlichkeit des Lebens kaum interessiert. Stattdessen zeigt „John Rabe“ ein eindimensionales Heldengemälde, dem man seine geschichtspolitische Absicht anmerkt.

Gerade wenn sich alles in Wirklichkeit genau so zugetragen hat, wie man es kaum glauben mag, muss ein Regisseur aufpassen, dass sein Film nicht zur Kitsch-Predigt wird. Steven Spielberg hat das gewusst, als er die Geschichte von Oskar Schindler erzählte. Darum hat er in „Schindlers Liste“ auf viele der auch von ihm gern verwendeten Stilmittel verzichtet, hat vieles der Vorstellungskraft überlassen. Schade, dass nicht auch Gallenberger dem Publikum mehr vertraut. (In München: Cinemaxx, Filmcasino, Gloria, Münchner Freiheit, Eldorado, Rio, Filmeck, Cinema OV, Museumslichtspiele OV.)

„John Rabe“

mit Ulrich Tukur, Daniel Brühl Regie: Florian Gallenberger

Annehmbar

Von Rüdiger Suchsland

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