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Dreharbeiten in Mosambik: Iris Berben in einer Drehpause mit einheimischen Statisten.

Dreharbeiten zu Henning Mankells "Kennedys Hirn"

Menschen als Rohstoff

Iris Berben steht in Mosambik für den ARD-Politthriller „Kennedys Hirn“ nach Henning Mankell vor der Kamera.

Nach einem düsteren Krimi sieht die Szene nicht aus. Kinder toben am Wegesrand. Der Dorfpolizist hat Mühe, die Kleinen im Zaum zu halten. Seit Stunden herrscht hier, an der Landstraße, 25 Kilometer westlich von Maputo, helle Aufregung. Nicht, dass die Menschen in Mosambik Ausschau hielten nach der Frau und dem Mann mit weißer Hautfarbe, die in Deutschland fast jeder kennt.

Iris Berben und Heino Ferch verschwinden fast in der Menge der Komparsen, die für Henning Mankells ARD-Zweiteiler „Kennedys Hirn“ benötigt werden. Anfang nächsten Jahres soll der Zweiteiler in der ARD laufen. Die Lichter, die Kameras, die Kulisse eines Feldlazaretts – in Boane herrscht an diesem Nachmittag Ausnahmezustand. Seit Stunden stehen Berben und Ferch im Staub, suchen immer wieder Schutz im klimatisierten Wohnwagen. Das schweißtreibende Schauspiel unter Afrikas sengender Sonne nehmen sie professionell gelassen hin.

Eine ganze Menge Komplikationen

Doch die Entspannung täuscht. Die Dreharbeiten sind nicht in Zeitplan. Mosambiks Zöllner haben wenige Stunden zuvor die Lastwagen mit der technischen Ausrüstung an der Grenze zu Südafrika gestoppt. Irgendwelche Papiere fehlen, Stempel müssen her, Beamte werden aus dem Schlaf geholt. Das Misstrauen gegen die Fremden sitzt tief. Lange war das Land eine sozialistische „Insel“ im Süden Afrikas. Ein Drehtermin in einem Waisenhaus muss verschoben werden, weil Requisiten nicht rechtzeitig angekommen sind. Außerdem droht ein Gewitter.

Regisseur Urs Egger („Die Rückkehr des Tanzlehrers“) blickt auf die Vorhersage. Der freundliche Schweizer bleibt ruhig. Doch Ronald Mühlfellner rennt die Zeit davon. Der Bavaria-Produzent weiß, dass er sich auf ein kleines Abenteuer eingelassen hat, als er sich vor einem Jahr entschloss, den Mankell-Bestseller über Menschenversuche im Zeitalter von Aids an den Originalschauplätzen zu verfilmen – mehr als 300 Drehorte in 51 Tagen. „Man kann das nicht woanders machen, schon gar nicht im Studio“, sagt der Österreicher. „Diese Farben, diese Stimmung geben dem Film erst die Glaubwürdigkeit“.

Mosambik ist nach Schweden, München und Kapstadt (Südafrika) die letzte Station für die rund 40 Menschen im Filmteam. Die einstige portugiesische Kolonie gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, vielleicht ein halbes Dutzend Filme wurden hier bisher gedreht, darunter vor einigen Jahren der Streifen „Blood Diamond“ mit Leonardo DiCaprio. Es gibt kaum Technik vor Ort. Vom Verpflegungswagen bis zur rollenden Toilette – fast alles muss aus Südafrika eingeführt werden.

Mankells Herz schlägt für Maputo

Im 1600 Kilometer entfernten Kapstadt hat sich eine boomende Filmwirtschaft etabliert. Für Iris Berben ist Mosambik nicht die erste Erfahrung mit diesem Kontinent. Sie hatte in Kenia schon „Africa mon amour“ gedreht. „In Mosambik habe ich die Spuren des Sozialismus unterschätzt, auch die Verbindung zur einstigen Kolonialmacht Portugal“, sagt Berben. „Fast naiv dachte ich, es ist so wie in Kenia.“ Zwar schimmert in Maputo an den Fassaden der Wohnhäuser aus den Dreißiger und Vierzigerjahren, in den Parks und den Nobelvillen noch die alte Pracht durch. Doch das Land ist gezeichnet von dem Jahrzehnte langen Unabhängigkeitskampf und dem Bürgerkrieg.

Henning Mankell hat schon lange sein Herz für Maputo entdeckt. Sechs Monate im Jahr lebt der Schwede in der Stadt. Seine Liebe zu Mosambik geht auf die Zeit des Bürgerkriegs zurück, als seine Frau hier als Ärztin arbeitete. Damals lernte er das „Teatro Avenida“ kennen. Seitdem ist er der prominenteste Unterstützer des Hauses im Herzen der Hauptstadt. Hier wechselt das Programm zwischen Klassikern und zeitgenössische Stücken – von Ibsens „Nora“ bis zum Musical „Linie 1“.

"Kennedys Hirn" thematisiert die Krankheit Aids

Den Schweden hat Mosambik auch in seinem Werk nicht losgelassen. In „Kennedys Hirn“ hat er die traumatische Erfahrung des Landes mit der Aids-Epidemie in eine dichte Kriminalgeschichte verwoben. Als die schwedische Archäologin Louise Cantor von Grabungen in Griechenland nach Stockholm zurückkehrt, entdeckt sie ihren Sohn tot in seiner Wohnung. Sie begibt sich auf Spurensuche. Der Weg führt sie durch die halbe Welt – bis nach Mosambik. Dort entdeckt sie Unfassbares. Unter dem Deckmantel der Forschung werden in einem Asyl für Aidskranke mit grauenhaften Methoden medizinische Untersuchungen vorgenommen.

Mankells Geschichte hat Iris Berben nicht losgelassen. Nach einem Gespräch mit dem Schriftsteller sagte sie für das Projekt zu: „Mankell ist jemand, der sehr genau recherchiert. Wir sollten uns nicht in Sicherheit wiegen, dass all dies nicht schon gemacht wird“. Afrika werde von vielen ausschließlich als Rohstofflieferant gesehen, „auch mit Menschen als Rohstoff“. Christian Holloway sieht sich allerdings nicht als Zyniker. Der Arzt in Mankells Geschichte leitet die Humanexperimente und denkt, er sei ein Menschenfreund. „Mich reizte die Geschichte. Ob es ein Guter oder ein Böser ist, ist letztlich egal“, sagt Ferch zu seiner Rolle: „Ich fand die Figur so wichtig, dass ich damit überhaupt keine Schwierigkeiten hatte, eine Nebenrolle zu spielen.“

Rund 16 Prozent der Bevölkerung ist infiziert, in Maputo mit seinen fünf Millionen Einwohnern ist es jeder vierte. Die Friedhöfe würden mit den Bestattungen nicht mehr nachkommen, berichtet ein mosambikanischer Journalist. Malaria, gibt ein deutscher Entwicklungshelfer zu bedenken, raffe hier viel mehr Menschen dahin.

Und dann gibt es einen Lichtblick. Die Grenzer haben die Lastwagen mit den Requisiten freigegeben. Und in dem kleinen Haus im Slumgürtel von Maputo laufen die Dreharbeiten wie am Schnürchen. Iris Berben steht im Schatten des Mangobaumes, es herrscht wieder entspannte Stimmung am Set. Hinter dem Gartenzaun tummeln sich wieder die Kinder. Sie haben an diesem Tag ihr sonnigstes Lächeln aufgesetzt.

Von Esteban Engel

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