Mohnrote Verheißung

- Jeden Morgen, wenn man am erwachenden Lido zu den Festivalkinos geht, stellt sich der Besucher der Filmfestspiele die Frage: Was hat man am Vortag gesehen, das dauerhaft von Belang ist und würdig sein könnte, am Ende mit dem "Goldenen Löwen" oder zumindest einem Spezialpreis prämiert zu werden? Seitdem die Mostra, einer allgemeinen Tendenz folgend, im vergangenen Jahr einen zweiten Wettbewerb begründete und damit das Programm stärker in gediegenes Repräsentationskino und junge Avantgarde teilte, hat man es mit seinen Tipps noch schwerer.

<P>Dass der sehr avantgardistische Japaner Takeshi Kitano mit seinem neuen, bisher noch nicht gezeigten Film "Dolls", von dem man bisher nur ein wunderschönes, ganz in Mohnrot getauchtes Plakat kennt, zu den Wettbewerbs-Favoriten gehört, ist klar. Dagegen war Larry Clark, im vergangenen Jahr noch im großen Wettbewerb, diesmal in dem des Controcorrente zu sehen.</P><P></P><P>Ken Park fügt sich in andere Festivalbeiträge, die sich in die nur scheinbar wohlgehütete Welt der amerikanischen Vorstädte vertiefen. Der auf einem Drehbuch des US-Kultautors Harmony Korine - er schrieb schon das Script zu Clarks Welterfolg "Kids" - basierende Film zeigt Momentaufnahmen aus dem Alltag mehrerer Jugendlicher, die allesamt der Skater-Szene angehören. Ein Junge lebt bei sei seinen Großeltern, die Apfelkuchen backen und mit ihm nachmittags Scrabble spielen, während sie gar nicht merken, dass er sich immer mehr abkapselt und zum Sadisten entwickelt. Ein anderer leidet unter seinem Vater, der ihn schlägt, weil er kein richtiger Mann ist. Eine Tochter wird von ihrem verwitweten Vater ständig mit Bibellesungen und Vorträgen über die Hure Babylon traktiert. Und ein anderes Mädchen wird von ihrem Freund mit der eigenen Mutter betrogen. In Clarks riskantem Kino ist jederzeit alles möglich - genau das macht den besonderen Reiz und die Qualität seiner Filme aus und Ken Park zu einem Preisanwärter.</P><P>Während die bereits gezeigten Asiaten enttäuschten, hat neben dem im Publikum umstrittenen "Road to Perdition" von Sam Mendes in jedem Fall auch Todd Haynes ("Velvet Goldmine") Chancen auf einen "Goldenen Löwen". Seine hochinteressante, filmisch wie schauspielerisch reizvolle Arbeit "Far from Heaven" ist neben Peter Mullans "Magdalene Sisters" (wir berichteten) der Favorit der internationalen Kritiker: Ganz in den gelb-orange-roten Jelley-Farbtönen des "Indian Summer" getränkt, erzählt er vom Herbst einer Durchschnittsehe in den späten 50ern. Julianne Moore spielt Cathy, eine höchst konventionelle Ehefrau, die eines Tages entdecken muss, dass ihr treu sorgender Gatte (Hollywoodheld Dennis Quaid in einer für einen A-Star mutigen Rolle) im Büro mit einem männlichen Kollegen knutscht. Der ist von seinen plötzlich erwachenden Neigungen selbst am meisten überrascht, bittet seinen Arzt, ihn von seiner Krankheit zu befreien. Doch noch während der Therapie merkt Cathy, dass sie den schwarzen Gärtner Raymond auch nicht völlig unattraktiv findet. Leise, ganz leise ist die Ironie in diesem bürgerlichen Melodram - voller visueller Anklänge an Sirk und Fassbinder. Haynes erzählt voller Wärme für seine Figuren und balanciert dabei sicher auf dem sehr schmalem Grat zwischen zu viel Nähe und zu viel Distanz. Kritisieren lässt sich an seiner Perspektive am ehesten, dass sie gegen die Windmühlen der Vergangenheit ankämpft.</P><P>Und wer die Antonioni-Retrospektive verfolgt, findet dort die härtere Kritik an den 50er-Jahre-Verlogenheiten. Im Kontrast dazu wirkt Haynes' nostalgischer Blick dann doch recht lasch. Klare Favoriten also, aber noch keine sicheren Sieger am Lido. Gespannt wartet man auf Kitano, auf Steven Frears und immer noch auf die erste echte Überraschung.</P>

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