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Auf dem roten Teppich: Gustl Mollath am Freitagabend mit Leonie Stade (l.) und Annika Blendl.

Premiere der Doku am Filmfest

„Wir wollten zeigen, wie sich Mollath anfühlt“

München - Es war still geworden um Gustl Mollath. Doch jetzt zeigt er sich auf dem Münchner Filmfest. Hier feiert eine Dokumentation über ihn am Freitag Premiere: „Und plötzlich bist du verrückt“. Es ist Mollaths Schicksal – in 93 Minuten.

Es ist erst wenige Wochen her, da trafen sich Leonie Stade, 27, und Annika Blendl, 33, mit Gustl Mollath. Sie wollten ihm etwas zeigen, etwas ganz Besonderes: seine Geschichte in eineinhalb Stunden. Rund zwei Jahre hatten sie ihn mit der Kamera begleitet. Sie hatten ihn in der Psychiatrie in Bayreuth besucht, wo er jahrelang zu Unrecht weggesperrt worden war. Sie begegneten ihm nach der Entlassung, als er auf die Wiederaufnahme seines Falls wartete. Sie waren im Gerichtssaal, als im Sommer 2014 der Prozess in Regensburg begann und später das Urteil fiel – ein Freispruch. Und doch hatten sie in all der Zeit eines stets vermieden: sich auf Mollaths Seite zu schlagen. Oder eben auf die Gegenseite. „Wir wollten keinen Film pro oder kontra Mollath machen“, sagen die beiden Regisseurinnen, die an der Münchner Filmhochschule studieren. „Wir wollten Mollath respektvoll behandeln – zeigen, wie er sich anfühlt, in all seinen Facetten“.

Vor wenigen Wochen zeigten sie ihm dann die Dokumentation „Mollath. Und plötzlich bist du verrückt“. Sein Schicksal – ihr Film. Die Geschichte des wohl berühmtesten Psychiatrie-Patienten Bayerns, komprimiert auf 93 Minuten, entstanden aus 72 Stunden Filmmaterial. Es war damals die inoffizielle Premiere, eine Sondervorführung im kleinen Kreis. Mollath, so sagen die beiden, mochte den Film. Er habe sich wiedererkannt. „Wir wollten seine Sichtweise, seine Wahrheit zeigen.“

Am Freitagabend, zur offiziellen Premiere im Münchner Arri-Kino, schritt Mollath – dunkler Anzug, rote Krawatte, Oberlippenbart – über den roten Teppich. Er posierte für die Fotografen, zusammen mit Annika Blendl und Leonie Stade. Ja, er wollte seine Geschichte noch einmal sehen. Diesmal beim Münchner Filmfest, auf der Leinwand, zusammen mit vielen anderen Menschen im Saal; die Doku selbst kommt erst am 9. Juli in die Kinos.

Die Regisseurinnen, beide trugen weiße Blusen und kurze dunkle Hosen, hatten zuvor stundenlang Interviews gegeben. Sie hatten erzählt, dass Mollath ein schlauer Typ sei, auch höflich und humorvoll – aber eben auch ein Pedant, ein Besserwisser, ein Sturkopf, einer, der nicht im Strom der Gesellschaft schwimmt. „Was Gustl Mollath erfahren hat, war eine Riesenungerechtigkeit“, sagen sie. Sie sagen auch: „Wir wollen den Ball an die Gesellschaft zurückspielen. Wir müssen uns überlegen, wie wir mit Menschen umgehen wollen, die nunmal nicht ins Schema passen.“

Mollath wird nie ins Schema passen. Dafür hat er zu viel erlebt, erleben müssen, zu viel polarisiert, vielleicht auch zu viel Öffentlichkeit gesucht – während des Prozesses und vor allem danach, als er den Freispruch nicht akzeptieren wollte, weil er sich durch ihn nicht rehabilitiert sah. Das Gericht zweifelte nicht daran, dass er seine Frau geschlagen hatte, es konnte dies nur nicht zweifelsfrei nachweisen.

Hat er? Hat er nicht? Diese Frage kann und wird auch die Dokumentation nicht beantworten. „Wir können es einfach nicht wissen“, sagt Leonie Stade. Aber darum gehe es auch nicht. Der Film soll die Menschen zum Nachdenken zwingen – sie nötigen, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

„Was uns bei dem Fall so gestört hat, war ja, dass so extrem oft in die eine Kerbe gehauen wurde“, sagt Leonie Stade: „Es wurde die eine Seite vertreten oder die andere – und die haben sich teilweise bekämpft.“ Die Regisseurinnen wollen aber zeigen, „dass die Wahrheit manchmal auch in verschiedenen Graustufen dazwischen liegt“.

Ob das Mollath auch so sieht? Dieser „kompromisslose“, „kämpferische“, „kontrollierte“ Mann, wie die beiden Münchnerinnen ihn beschreiben. Am Freitagabend erklärte er jedenfalls: „Ich hoffe, dass die Menschen motiviert sind, wissen zu wollen, was in diesen Anstalten los ist.“ Er meinte: die Geschlossenen.

Barbara Nazarewska

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