Münchner Filmfest: Poesie und Eiseskälte

- Terry Gilliam ist zurück. "Tideland" ist der neue Streich des inzwischen 65-jährigen einstigen "Monthy Python" und großen Kindes unter den Filmmachern. Der visuell aufregende Film ist eine Art Middle-West-Version von "Alice im Wunderland", ein geglücktes Gemisch aus Imagination und Alltagsrealismus. Zart poetisch reist "Tideland" ins Innenleben eines neunjährigen Mädchens, das nach dem Tod seiner Eltern allein in einem großen Haus lebt und sich ins Reich der Träume zurückzieht.

Was heißt es heute, chinesisch zu sein?

Dies ist der erste von sechs Filmen, die man aus dem Programm der der "Internationalen Reihe" des Filmfests herausgreifen muss. Der zweite kommt aus China: Ning Yings "Perpetuous Motion" ist ein Frauenporträt aus dem Peking der Gegenwart. Glänzend in der Einfachheit, der Konsequenz, mit der hier erzählt wird, ist dies eine Art "Sex in the City" in Peking. Was heißt es heute eigentlich, chinesisch zu sein? Ironisch, knapp an der Zensur vorbei, stellt Ning die Generation der etwa 45-jährigen Frauen vor, die zwischen Tradition und Moderne stehen.

Der dritte Film ist "Sympathy for Lady Vengeance", der Abschluss der fulminanten Rachetrilogie des Koreaners Park Chan-wook. Ein großer Film, der beeindruckend und voller visueller Kraft von der Eiseskälte der Gesellschaft und ihrer Geschlechterverhältnisse handelt. Eine junge Frau wird erpresst, einen Mord zu gestehen, den sie nicht beging, und will sich nach 13 Jahren an dem Schuldigen rächen. Doch dann kann sie es nicht tun, sie findet einen anderen, subtileren Weg. Ein pathetisch-ironisches Drama, große Oper mit subtilen politischen und historischen Bezügen - Kino, das auch nach Tagen nicht an Kraft verliert.

Nicht versäumen darf man "Takeshi's", den neuen bizarren Film von Takeshi Kitano. Es ist ein oft sarkastisches, manchmal bitteres Porträt seines Lebens, das ziemlich oft der Realität zu entsprechen scheint. Ebenso wichtig: "Vers le sud", der neue Film des Franzosen Laurent Cantet. Er spielt auf Haiti unter Amerikanern: Sonne, Strand, Hitze, Aussteiger, die die Faszination für das Exotisch-Andere auch sexuell leben - heute heißt das schlicht Sextourismus. Charlotte Rampling spielt eine jener Damen, die in der Liebe zu einem jungen Eingeborenen ihr Glück suchen und vor allem die eigenen Abgründe finden. Ein mutiger, faszinierender Film.

Insgesamt ist das Programm gewohnt bunt und vielfältig aus Filmen zusammengestellt, die in der Regel bereits auf internationalen Festivals Erfolge feierten. Allerdings leidet die Reihe diesmal besonders unter der selbst gemachten Konkurrenz durch gleich fünf Retrospektiven und durch die Sonderreihen zum Französischen und zum US-Independent-Kino. Das alte Filmfest-Problem.

Blick auf Billy the Kid

Das Vergnügen an vielen dieser Filme mindert dies natürlich nicht. Zum Beispiel auch am Blick auf einen amerikanischen Mythos: "Requiem for Billy the Kid" von Anne Feinsilber ist ein überaus origineller Essay über die verschiedenen Darstellungen des berühmt-berüchtigten Outlaws im Kino. Dabei begegnet man auch den realen Nachfahren der Gangster Billy the Kid und Pat Garret - garniert mit verrucht-amoralischen Versen der Dichter Rimbaud und Verlaine beschwört der Film die Romantik des Verbrechens.

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