Ich muss diese Frau spielen

Natasha Richardson im Interview: - Sie stammt aus einer der berühmtesten englischen Schauspielfamilien: Ihre Mutter ist Vanessa Redgrave, ihr Vater der Regisseur Tony Richardson. Und wie ihre Schwester Joely, ihre Tante Lynn Redgrave und ihr Großvater Michael Redgrave besitzt Natasha Richardson ganz offensichtlich dieses gern beschworene "Schauspiel-Gen".

Klar, dass jemand aus einer solchen Theater-Dynastie auf der Bühne beginnt. Natasha Richardson spielte alles, was es an großen Frauenrollen so gab zwischen Shakespeare und Tschechow. Noch heute tritt die 42-Jährige, die mit Ehemann Liam Neeson und Familie seit zehn Jahren in New York lebt, regelmäßig in Broadway-Produktionen auf. Kinofilme dreht sie im Gegensatz zu ihrem Mann eher selten. Die Titelrolle der frustrierten Ehefrau, die sich in David MacKenzies Tragödie "Stellas Versuchung" für eine Amour Fou zu Grunde richtet, "war seit Jahren ein Herzenswunsch".

Von der ersten Planung bis zur Fertigstellung des Films hat es über vier Jahre gedauert. Was war los?

Natasha Richardson: Oh Gott ja, das war eine wirklich entsetzlich lange Zeit. Als ich das Buch "Asylum" zum ersten Mal las, konnte ich es einfach nicht aus der Hand legen. Ich wusste: Ich muss diese Frau einfach spielen! Das habe ich auch sofort meinem Mann erzählt. Der hat mich erst einmal gebremst und meinte, dass die Rechte sicher schon verkauft seien und falls nicht, dann wäre es zu teuer. Das hat mich erst einmal davon abgehalten. Bis wir eines Abends in einem Lokal saßen und ein Mann an unseren Tisch kam und zu mir sagte: "Ich habe gehört, Sie mögen mein Buch." Es war Patrick MacGrath, der Autor von "Stellas Versuchung"; von da an ging eigentlich alles recht schnell ­ bis auf die Suche nach der Finanzierung.

Warum gab es Schwierigkeiten?

Richardson: Man muss schon klar sehen, dass mein Name in den USA nicht so einen Klang hat, als dass er alleine genügen würde, eine solche Produktion abzusichern. Auch die Geschichte selbst ist nicht gerade das, was man sich in Amerika unter guter Unterhaltung vorstellt. Dazu ist alles viel zu ernst und tragisch.

Stella ist auch keine wirklich sympathische Figur.

Richardson: Nein, das ist sie wohl nicht. Es fällt einem nicht leicht, sie auf Anhieb zu mögen, wenn sie ihren braven Ehemann betrügt und sich in diese Liebesgeschichte derart hineinsteigert, dass sie Mann und Kind verlässt. Man denkt sich ständig: Ach nein, tu das jetzt bitte nicht! Aber mir ist Stella inzwischen so vertraut wie eine gute Freundin. Und bei denen überlegt man sich auch nicht mehr, warum man sie mag. Man tut es einfach. Weil man ihre Art, ihre Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit für bestimmte Dinge liebt. Stella ist eine Figur aus Fleisch und Blut, voller Liebe und Wahnsinn, richtig aus dem Leben gegriffen. So was gibt‘s sonst nur bei Tennessee Williams.

Zumindest in Hollywood-Filmen kommen starke, eigenwillige Frauenfiguren nur selten vor.

Richardson: Das ist leider so. Es gibt dort keinen Markt für die Rollen, an denen ich wirklich interessiert wäre. Für die Themen, die mich begeistern, gibt es leider kein vergleichbar riesiges Publikum wie für "Star Wars". Deswegen habe ich alles daran gesetzt, diese Rolle spielen zu können. Ich wusste, dass mir so ein Charakter in den nächsten Jahren nicht mehr angeboten wird. Also musste ich selbst aktiv werden, damit aus meiner Traumrolle tatsächlich ein Film wird.

In einer der ersten Planungen zu "Stellas Versuchung" sollte der Part des Liebhabers noch mit Liam Neeson besetzt werden...

Richardson: Na, dann wäre es ein komplett anderer Film geworden. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich arbeite gerne mit meinem Mann zusammen. Aber es hat sich in diesem Fall einfach nicht ergeben. Er hatte parallel ein anderes Angebot. Außerdem wusste ich, dass er sich nicht so enorm für "Asylum" begeistern konnte wie ich es tat, und ich wollte ihn nicht zu etwas zwingen.

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