Und mutig bis zum Leichtsinn

- Es gab einmal einen Ort in Südafrika, da hatte der Begriff Apartheid keine Bedeutung. Da verkaufte ein Inder seine Lebensmittel Ladentür an Ladentür mit einer schwarzen Hausfrau, die Gläser mit Eingemachtem ausstellte. Da kamen abends regelmäßig die jungen Weißen in die windschiefsten Spelunken, um dort nach Herzenslust zu schwofen. Da saß inmitten dieses multikulturellen Treibens im Johannesburger Stadtteil Sophiatown, unauffällig hinter einer schmalen Fassade verborgen, die Redaktion der legendären südafrikanischen Zeitschrift "Drum".

Das Magazin war in den 50er-Jahren eine Mischung aus "Spiegel" und "Stern" in ihren besten Zeiten. Ein Gesellschaftsblatt, das immer wieder brisante politische Themen aufgriff. Davon gab es einige in dieser Zeit, und "Drum" berichtete ungeschönt über die Zustände im Land. Treibende Kraft im Redaktionsgefüge war der schwarze Reporter Henry Nxumalo, und um diesen legendären Journalisten herum hat Regisseur Zola Maseko seinen Spielfilm "Drum" konstruiert. Taye Diggs, der einzige Hollywoodstar im Ensemble, spielt den unerschrocken auf einer Burenfarm oder im Gefängnis von Johannesburg recherchierenden Nxumalo als Kombination aus Robert Redford und Dustin Hoffman in "Die Unbestechlichen": klug und besonnen, wenn es nötig ist, aber mitunter auch beharrlich nervend und mutig bis zum Leichtsinn."Drum", der zweite südafrikanische Spielfilm, der je in englischer Sprache gedreht wurde, hat heuer auf den Festivals von Ouagadougou in Burkina Faso bis Toronto zahllose Preise abgeräumt. Nun eröffnet das 23. Filmfest München mit dieser aufwändig ausgestatteten, sichtlich kostspieligen Produktion sein Programm.Die Wahl hätte nicht klüger ausfallen können: "Drum" ist in seiner Bildsprache deutlich an amerikanischen Vorbildern orientiert. Irritierte Zuschauer dürfte es angesichts der spannenden, geschickt dramaturgisch bearbeiteten Geschichte kaum geben. Südafrika ist zwar ein aufstrebendes Filmland, benötigt aber für einen internationalen Erfolg noch den kräftigen Anschub durch ein europäisches Festival.Und nachdem die Berlinale, Deutschlands größtes Filmfest, sich immer deutlicher einem breiten Massengeschmack verschreibt und oft nur noch in Randsektionen echte Fundstücke bietet, steht es München, dem zweitgrößten deutschen Festival, gut zu Gesicht, derlei qualitativ hochwertige Raritäten auch einmal groß herauszustellen und damit das Filmfest zu beginnen.

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