Ab nach Minsk

- Katrin Saß, geboren 1956, war ein DDR-Star. 1982 gewann sie bei den (West-)Berliner Filmfestspielen einen Silbernen Bären für ihre Rolle in "Bürgschaft für ein Jahr". Nach privater Krise und beruflichen Problemen erlebte Saß in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Comeback. Für "Heidi M." erhielt sie 2001 den Bundesfilmpreis.

<P>Jetzt ist sie auf der Berlinale gleich zweimal zu sehen: In Wolfgang Beckers Wende-Satire "Good Bye Lenin!", die an diesem Sonntag im Wettbewerb Premiere hat, und in Jeff Kanews Historiendrama "Babijar", das in einer Spezial-Vorführung gezeigt wird.</P><P>Passiert durch Ihr Comeback jetzt das, wovon Sie geträumt haben?</P><P>Saß: Ja. Dass noch einmal ein Kinofilm kommen würde, damit habe ich nicht gerechnet. Schon die Anfrage für "Heidi M." hat mich überrascht. Nach dem Bundesfilmpreis kam Produzent Atze Brauner und meinte: "Da hab' ich ja meine Besetzung, ab nach Minsk!" Und dann haben wir bei den Russen "Babijar" gedreht. Als ich zurück kam, gab es das Angebot von Wolfgang Becker. Das war schon verrückt.</P><P>Wenn Sie durch "Good Bye Lenin!" noch einmal zurückreisen in die DDR: Wie weit deckt sich das mit Ihren Erinnerungen?</P><P>Saß: Die Wende habe ich anders erlebt. 1988 wollte ich bereits weg, es wurde mir einfach zu eng. Ich wollte in der DDR nicht sterben. Ich hatte ja mehrfach die Gelegenheit, im Westen zu bleiben. 1982, als ich den Silbernen Bären gewann, wollten die mich noch in der Nacht rüberholen. Ich bekam hohes Fieber, habe mir Wadenwickel gemacht und stand abends wie im Rausch mit Michel Piccoli auf der Bühne. Mein Name fiel, und ich habe nichts mitgekriegt. Mit Charlotte Kerr bin ich durch Berlin gezogen, es gab heiße Telefonate: "Die Saß ist abgehauen."</P><P>Wie ging es weiter?</P><P>Saß: Der Filmminister in Ostberlin öffnete eine Flasche russischen Sekt und meinte: "So Mädel. Und jetzt schön auf'm Teppich bleiben." Dann wurde meine Gage erhöht, und ich bekam zwei Jahre keinen Auftrag mehr.</P><P>Haben Sie denn einen Sinn für die "Ostalgie" von "Good Bye Lenin!"?</P><P>Saß: Ich habe keinen Appetit auf Spreewaldgurken, ich brauch' die nicht. Wir sind doch da! Mich hat man nicht verbiegen können. Und darüber bin ich froh, sonst säße ich jetzt nicht hier. Ich bin kein Opfer. Natürlich kommen durch den Film Dinge wieder hoch, über die man lachen und schmunzeln kann. Aber auch ungeheure Aggressionen. 1988/89 war ich in Leipzig. Immer, wenn ich zur Probe musste, führte mein Weg an der Nikolaikirche vorbei. Als einmal eine Probe ausfiel, bin ich stehen geblieben. Ich habe zugeguckt, wie eine Demonstration bekämpft wurde. Es war ungeheuer. Ich habe einen solchen Hass gekriegt. Das ist jetzt alles wieder hochgekommen. Dieses Drehbuch von einem West-Autor traf nach zwölf Jahren die Atmosphäre genau.</P><P>Bisher scheint man im Kino die DDR nur als Komödie bewältigen zu können: Ironisch, nostalgisch, lächerlich . . .</P><P>Saß: Für eine Tragödie ist noch nicht genug Zeit vergangen. Die Stoffe liegen auf der Straße. Bei "Good Bye Lenin!" hoffe ich aber, dass es kein Schenkelklopfer ist. Wir wollen, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Es war ja auch komisch: Wieso musste man 18 Millionen einmauern und dann noch jeden Dritten als IM engagieren? Darüber darf ich gar nicht nachdenken. Das ist verrückt.</P><P>Wird der Film in Ost und West unterschiedlich wahrgenommen?</P><P>Saß: Ich dachte, es wird der Renner im Osten. Jetzt erlebe ich, dass sich der Westen viel mehr amüsiert, wirklich lachen und beobachten kann. Der Ostler wartet auf den Fehler. Nicht auf meinen, weil alle sagen: "Das ist ja unsere Katrin." Sondern auf einen Fehler von Regisseur Wolfgang Becker. Aber die Ostler hatten doch zehn Jahre Zeit, diesen Film zu realisieren. Sie haben es nicht gemacht. Nun macht es ihnen ein Westler vor.</P><P>Was haben Sie nun vor?</P><P>Saß: Ich muss etwas Dampf machen, ich hab' ja nicht mehr so viel Zeit. Ich würde gerne in Frankreich drehen. Die Rollen, die Romy Schneider heute bekommen würde - und eine davon erwischen.<BR></P>

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