Nachrichten aus Berlusconi-Land

- "Vento d'Italia" heißt die neue, dem italienischen Film gewidmete Reihe des Münchner Filmfests. Frischer Wind aus dem Land jenseits der Alpen weht da herüber, aber auch ein deutlich raueres Lüftchen als bislang bekannt. In

den letzten Jahren stand die Poesie, das ausführlich mäandernde Erzählen im Vordergrund italienischer Filmemacher, etwa in Jan Sardis "Eine italienische Hochzeit" oder Ettore Scolas "Gente di Roma". Nun scheint die Wirklichkeit unerbittlich eingefallen zu sein im Alltag, und das spiegelt sich in den aktuellsten Produktionen aus Berlusconis Heimat wider.

Vor langer Zeit haben die Italiener den Neorealismus erfunden. Jetzt, viele Jahre, Regierungen und politische wie soziale Krisen später, erweist sich, dass die Enkel dieser Regie-Generation das genaue Beobachten, den unbestechlichen Blick auf das, was in ihrem Land gerade an den Rändern der Gesellschaft passiert, keineswegs verlernt haben.

Dass deswegen zwei Filme in Neapel, der Stadt mit der größten Armut im Lande, spielen, erscheint da nur logisch: In "Certi Bambini" der Brüder Andrea und Antonio Frazzi gerät ein elfjähriger Junge unaufhaltsam auf die schiefe Bahn, mitten hinein ins alles verschlingende Chaos von Drogen, Diebstahl, Gewalt und Camorra. Ähnlich trostlos, wenn auch nicht ganz so deutlich vom drohenden Absturz gezeichnet, sieht das Leben des in einem neapolitanischen Vorort lebenden Enzo aus.

Der Achtzehnjährige muss in "Vento di terra" nach dem Tod des Vaters sämtliche eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um die an der Armutsgrenze vegetierende Familie durchzubringen. Regisseur Vincenzo Marra hat seinen drastisch das politische System anklagenden Spielfilm ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht. Das verleiht diesem Drama eines jungen Mannes, der seine Wünsche und Träume nie ausleben kann, eine beklemmende Authentizität.

Leben und Leiden

Auch in Marco Tullio Giordanas "Quando sei nato non puoi piú´ nasconderti", dem eindringlichsten, stärksten Film der Sektion, klebt die Kamera förmlich an den vom Leben und Leiden zerfurchten Gesichtern. Sogar die Kinder auf dem Flüchtlingsschiff, das illegale Einwanderer nach Italien bringt, sehen bereits aus wie Greise.

Im Vergleich erscheint die sozialkritische Satire "La Febbre" von Alessandro D'Alatri schon fast versöhnlich-humoristisch. Der 30-jährige Mario lebt immer noch bei seiner Mutter, die das Leben des Sohnes energisch im Griff hat. Bis der eines Tages seine Traumfrau kennenlernt, eine unkonventionelle Schönheit mit ausgeprägtem eigenen Willen.

Und plötzlich genügt es auch dem zuvor so phlegmatischen Mario nicht mehr, in der Stadtverwaltung tagsüber die Zeit am Schreibtisch totzuschlagen. D'Alatris amüsanter Spielfilm ist nicht nur ein Lehrstück über einen, der auszieht, endlich erwachsen zu werden, sondern auch eine böse Abrechnung mit der italienischen Bürokratie.

Valerie Solarino in dem Film "La Febbre", noch einmal zu sehen Samstag, 2. 7., 14. 30 Uhr im Maxx 2.

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