Der nackte Mensch

- Ein Zug fährt in einen Bahnhof ein. Düster-deprimiert ist die Atmosphäre, etwas altmodisch, und das wird sich den ganzen Film über nicht mehr ändern. Inwieweit das, was man da sieht, von dieser Welt ist, bleibt lange Zeit offen. Menschenmassen steigen aus dem Zug, viele wirken wie Pendler, die jeden Morgen zur Arbeit hasten. Aber, das vermittelt der Film auf kaum merkliche Weise: Es geht um anderes. Und ohne ihn überhaupt zu kennen, weiß man eigentlich schon, dass man auf Spider wartet, die Titelfigur von David Cronenbergs neuem Film.

<P>Wer seine Werke kennt, weiß: Cronenberg liebt Spiele mit Konventionen, kann dabei aber etwas ganz Neues schaffen. In diesem Sinne ist "Spider" ein Horrorfilm der anderen Art. Der Schrecken ist ins Innere verlagert, auch in das des Zuschauers. Der Film begleitet Spider (Ralph Fiennes) durch einige Tage. Die verbringt er in einem Asyl für psychisch Kranke. Es ist unklar, ob sich das alles in der "wahren Welt" abspielt oder "nur" in Spiders Kopf. Cronenberg hält diese Ebenen nicht auseinander.<BR><BR>So mäandert man durch Spiders Vergangenheit, durchlebt seine Erinnerungen an den Tod der Mutter, realisiert, wie er dafür den Vater verantwortlich macht, und zweifelt doch, ob man allem überhaupt glauben darf. "Spider" ist hochaktuell. Als philosophische Abhandlung über den derzeit viel diskutierten Komplex "Gedächtnis" und "Erinnerung". Cronenberg illustriert den Leidensdruck durch Verdrängtes und zeigt, dass man manches eben  nicht vergessen kann.</P><P>Wenn der Alltag zum schweren Problem wird</P><P>Er wendet sich zugleich gegen die beliebte Verklärung jedweder Form von Erinnerung. Etwas Verdrängtes ins Bewusstsein zurückholen, kann nicht nur schmerzhaft sein, es kann einen vernichten.<BR><BR>Überdies ist der Film eine Aktualisierung des Existenzialismus. Spider ist eine völlig auf sich gestellte Person, bar jedes inneren wie äußeren Halts. Der nackte Mensch: verlassen, unsicher, allein. Er ist ein "Fremder" im Sinne Camus', sein Weltverhältnis am ehesten mit der Hauptfigur von Sartres "Der Ekel" vergleichbar: ein Desorientierter, dem noch die einfachste Alltagshandlung zum schweren Problem wird, dessen Weltverhältnis durch Absurdität bestimmt ist.<BR><BR>Faszinierend spielt ihn Ralph Fiennes, fast schweigend, mit einer tonlosen Schmerzintensität. Einer, der von innen verbrennt. Schließlich aber ist dies ein einfühlsamer, sehr sorgfältiger Film, dessen eindringliche Bilder im Betrachter weiterleben: das Porträt eines Mannes, der sich in seinem eigenen Spinnennetz längst verheddert hat. Freiheit, und hier unterscheidet Cronenberg sich von Sartre, ist da nicht mehr zu finden. </P><P><BR>"Spider"<BR>mit Ralph Fiennes, Miranda<BR>Richardson, Gabriel Byrne<BR>Regie: David Cronenberg<BR>Hervorragend </P>

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