Naive Nostalgie

- Jetzt wissen wir endlich, warum seit ein paar Jahren auf unserem kleinen Planeten alles schiefläuft: Superman war nicht da. Aber jetzt ist der populärste Comic-Held der Welt wieder im Dienst und rettet einmal mehr die Menschheit. Regisseur Bryan Singer lässt den Superhelden wieder auferstehen und hält sich nicht lange mit Erklärungen auf.

Er setzt voraus, dass die moderne Saga des außerirdischen Altruisten ohnehin jedem vertraut ist und lässt seinen Superman (Debütant Brandon Routh) sofort seine Arbeit machen.

Superman war lange im Weltall unterwegs, um nach seiner Heimat Krypton zu suchen. Ergebnislos, das Paradies ist für immer verloren, es bleibt nur die Erde, so unvollkommen sie auch ist. Also widmet er sich wieder seiner Aufgabe als Held auf eben dieser Erde. Singer packt wie schon in seiner früheren Comic-Verfilmung "X-Men" mythische, psychologische und religiöse Anspielungen in seine Geschichte, und "Superman" ist dafür wie gemacht. Superman wird hier bestimmt nicht zufällig als Erlöser inszeniert, der buchstäblich vom Himmel gefallen ist, um die Menschen zu beschützen.

Eine Art von Messias

Gleichzeitig strebt e in seiner Tarnexistenz als Journalist Clark Kent danach, Mensch unter Menschen zu sein. Irgendwie dazuzugehören, seine Berufung zu Höherem zu ignorieren. Aber er ist eben auserwählt, und Superman nimmt nach langem inneren Kampf sein Schicksal schließlich an.

Davon handelt der Film, und wer hier unwillkürlich an Jesus und das Neue Testament denkt, liegt richtig. Gott trägt in diesen Zeiten eben enge Strumpfhosen und sieht aus wie ein Kraftsportler. Singer erspart seinem Helden nicht einmal den Gang nach Golgatha. Das ist in diesem Fall eine künstliche Insel, die Erzfeind Lex Luthor (Kevin Spacey markiert lustvoll den amoralischen Superkapitalisten) erschaffen hat.

Dort widerfährt Superman, dem an sich Unverletzbaren, Unerhörtes. Er wird geschlagen, gedemütigt und getötet - fast jedenfalls. Denn natürlich aufersteht er, wie es sich für einen Messias gehört, und wacht fortan als entrückter Halbgott über die Geschicke der ihm anvertrauten Menschenkinder. Sein Wunsch nach einem normalen Leben bleibt unerfüllt - auch Superhelden kriegen nicht immer, was sie wollen. Schon gar nicht die Frau ihrer Träume.

Neben der quasi religiösen Komponente dominiert das ewige Thema Liebe den Film und bleibt damit den alten Leinwandversionen treu. Die angehimmelte Louis Lane (Kate Bosworth mit einer beeindruckenden Vorstellung) hat sich für eine bürgerliche Existenz entschieden. Weder Superman noch Clark Kent können daran etwas ändern. Und Singer beweist einmal mehr sein Geschick als Psychologe. Supermans Konkurrent ist ein sympathischer, integrer Mann. Für den ethischen Superman ein unlösbares Dilemma: Darf er als Über-Mann eine funktionierende Beziehung torpedieren?

Es sind diese Nuancen, von Singer unangestrengt eingeflochten, die einen für dieses zerrissenen Super-Helden einnehmen. Es ist trotz aller technischen Raffinessen ein sympathisch altmodischer Film. Romantisch und naiv. Dieser kindliche Blick verleiht "Superman Returns" seinen Charme. Singer ist Fan, das merkt man schon beim Vorspann, wenn er hemmungslos das Original von 1978 kopiert. Und auch seine Entscheidung, den völlig unbekannten Brandon Routh als Superman zu besetzen, passt in dieses Bild.

Der junge Mann sieht zum einen dem Ur-Superman Christopher Reeve (dem der Film gewidmet ist) verblüffend ähnlich, und zudem stammt Routh aus einfachen Verhältnissen, aus dem Mittelwesten der USA, so wie Clark Kent in der Comic-Vorlage. Singer konnte nicht anders, und sein Mut hat sich bezahlt gemacht. Denn die Unschuld und Naivität des Regisseurs wird von Routh perfekt reflektiert. Wenn er mal linkisch, mal entschlossen tut, was ein Mann eben tun muss, funktioniert der Film. Das einzige Problem dieses Films ist freilich unlösbar: Wer mit Superman nichts anfangen kann, erleidet hier mutmaßlich die 154 längsten Minuten seines Lebens. (Ab morgen in München: Mathäser, Maxx, Royal, Münchner Freiheit, Cinema und Museumslichtspiele i.O., Gabriel.)

"Superman Returns" it Brandon Routh, Kevin Spacey, Kate Bosworth

Regie: Bryan Singer

Annehmbar

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