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Gefangen im Eis: Die Filmszene aus Nanga Parbat zeigt die Brüder Reinhold (l.; gespielt von Florian Stetter) und Günther Messner (gespielt von Andreas Tobias) bei ihrer Expedition zum Himalaya-Gipfel.

Nanga Parbat: Ein Film und die Wirklichkeit

Am Donnerstag kommt der umstrittene Vilsmaier-Streifen „Nanga Parbat“ in die Kinos. Es geht um die Expedition der Messner-Brüder zum Himalaya-Gipfel – um die beiden Berghelden Reinhold und Günther, von denen nur einer den Abstieg überlebt. Doch was passierte in der Todeszone? Eine Spurensuche in der Vergangenheit.

Geschafft: Reinhold Messner kurz nach seiner Rückkehr vom Nanga Parbat. „Ich bin ein ganz normaler Mensch – und nicht mit übermäßigem Mut ausgestattet“, sagt er bis heute.

Max von Kienlin hat Joseph Vilsmaiers „Nanga Parbat“ längst gesehen: bei einer Pressevorführung am 14. Dezember in Rosenheim. „Wunderschöne Aufnahmen“, sagt er. Doch seine Perspektive auf den Film ist eine besondere. Denn von Kienlin, 75, war an den umstrittenen Ereignissen von 1970 beteiligt. Und genau darum kann er mit „Nanga Parbat“ nicht glücklich sein.
„Der Film ist natürlich ein Spielfilm, das steht auch im Vorspann und im Abspann. Doch für die Masse, die Allgemeinheit, wird er als Dokumentation rüberkommen.“ Eine recht einseitige, wie von Kienlin findet: „Regisseur Joseph Vilsmaier hat mit keinem von uns Expeditionsteilnehmern Kontakt aufgenommen. Er durfte das von Reinhold Messners Seite auch nicht. So ist es vom Ablauf her die Messner-Story.“

Verschollen: Günther Messner kehrt nach der Himalaya-Expedition nicht zurück. 35 Jahre danach findet man Leichenteile am Fuß der Diamir-Flanke – höchstwahrscheinlich stammen sie von ihm.

1970 begründet Reinhold Messner seinen Alpin-Ruhm mit der Überschreitung des Schicksalsbergs: über die Rupal-Wand hinauf, über das vergletscherte gefährliche Diamir-Tal hinunter. Sein Bruder Günther überlebt die Tour jedoch nicht, gilt als verschollen. Beim gemeinsamen Abstieg, sagt Reinhold Messner später, sei Günther von einer Eislawine erfasst worden. Über drei Jahrzehnte bleibt das die gültige Version. Doch das ändert sich 2001.
Bei einer Buchvorstellung auf der Münchner Praterinsel bezichtigt Messner die damaligen Teilnehmer der unterlassenen Hilfeleistung. Er sagt sogar: „Meine Kollegen von damals wünschten mir den Tod.“ Die noch Lebenden unter den Beschuldigten melden sich zu Wort. Der Münchner Hans Saler, Bergsteiger, Seemann, BR-Mitarbeiter und inzwischen in Chile zuhause, schreibt ein Buch („Licht und Schatten“). Der Allgäuer von Kienlin, der sich in München niedergelassen hat, zwei („Die Überschreitung“ und „Der einsame Tod“). Beide werten dafür ihre Tagebuchaufzeichnungen von 1970 aus. Der Ablauf stellt sich nun anders dar.

Für den Sturm auf den 8125 Meter hohen pakistanischen Gipfel hatte Expeditionsleiter Karl Maria Herrligkoffer, ein Münchner Arzt, die erfahrenen Bergsteiger Felix Kuen und Peter Scholz vorgesehen – doch der Newcomer Reinhold Messner, damals 25, bricht zum Solo auf, Bruder Günther, 23, hinterher. Gemeinsam erreichen sie am 27. Juni 1970 den Gipfel – bis zu diesem Punkt ist die Geschichte unstrittig. Doch wie geht es weiter?

Reinhold Messners Version: Günther wird höhenkrank, er muss schnell nach unten in sauerstoffreichere Luft gebracht werden. Spontan fällt die Entscheidung der Brüder, gemeinsam über die andere Seite, die Diamir-Flanke abzusteigen. Das erscheint leichter als der Rückweg über die Rupal-Wand, die mit 4500 Metern die höchste der Welt ist. Irgendwo weit unten im Diamir-Tal habe dann eine Lawine Günther erfasst, getötet, verschwinden lassen.

Die Messner-Gegner mutmaßen jedoch: Reinhold Messner hatte von Anfang an heimlich geplant, dem Gipfelsieg den Abstieg auf der anderen Seite des Berges folgen zu lassen. Den schwächelnden Bruder, der da nur stört, habe er sich selbst überlassen – wohl in der Hoffnung, die einen Tag später zum Gipfel nachrückende Seilschaft Kuen/Scholz werde Günther auflesen.

Über eine Schlucht hinweg kommt es am 28. Juni sogar noch zu einem Rufkontakt zwischen Reinhold Messner und Kuen/Scholz. Es sei alles okay, lässt Reinhold Messner wissen. Obwohl sich sein Bruder da schon in höchster Not befunden haben muss. Jedenfalls kehren Kuen und Scholz nach ihrem Gipfelerfolg ins Basislager zurück. Doch von den Messners keine Spur. Die Expedition wird abgebrochen – mit der bangen Ahnung, zwei Mann verloren zu haben. Erst Tage später, am 3. Juli, eine erste Entwarnung: Messner sei von Einheimischen im Diamir-Tal aufgefunden und zur Behandlung in die Stadt Gilgit gebracht worden. Aber: Es ist eben nur einer der Messners, und zwar Reinhold. Beim Wiedersehen fragt er die Kameraden: „Wo ist Günther?“ Dabei hätte er das wissen müssen.

Das ist auch eine Schlüsselstelle in der Geschichte. Von Kienlin und Saler werfen Fragen auf: Was ist in der Todeszone passiert? Der Bergfilmer Gerhard Baur, ebenso einer der Expeditionsteilnehmer und Messner als Kameramann über Jahrzehnte verbunden, wendet sich genauso ab von Reinhold Messner, als dieser 2001 den Gefährten unterlassene Hilfeleistung vorwirft. Unter den Kameraden von einst wird prozessiert.

Pikant ist vor allem die Auseinandersetzung zwischen Messner und von Kienlin. Denn sie waren mal enge Freunde. Max von Kienlin pflegt auf seinem Schloss Erolzheim in Biberach Messner nach dessen Rückkehr vom Nanga Parbat gesund. Der „dankt“ es, indem er von Kienlin die Frau ausspannt. Dennoch schweigt von Kienlin mehr als 30 Jahre über die Geschehnisse auf der Expedition. Eine scheinbare Wendung bekommt die Geschichte erst 2005 mit dem Fund von Leichenteilen am Fuß der Diamir-Flanke (auf 4400 Metern Höhe) – laut einer DNA-Analyse stammen die Leichenteile höchstwahrscheinlich von Günther Messner.

Reinhold Messner verkauft den Fund als Beweis für seine These, den Bruder nicht im Stich gelassen und nach unten geführt zu haben. Dass er gemeinsam mit ihm den Abstieg aus mehr als 8000 Metern in Angriff nimmt, ist dadurch belegt.

Doch die Brüder hätten sich genauso gut weiter oben trennen können: „Der Fundort sagt nichts darüber aus, wo genau und unter welchen Umständen Günther auf der Diamir-Seite des Nanga Parbat starb“, sagt Gerhard Baur. In der Nähe sei auch die Leiche eines weiteren Bergsteigers gefunden worden, der nachweislich viel höher verunglückt sei – es sei doch absurd anzunehmen, dass in einer Gegend mit ständiger Erdbewegung und Lawinenabgängen Knochen mehr als 30 Jahre auf einem Fleck bleiben. Vieles werde hier nach unten gespült. Messner klagt gegen 24 Punkte aus von Kienlins Buch „Die Überschreitung“, in zwölf Punkten bekommt er Recht, die anderen zwölf dürfen stehen bleiben – ein Unentschieden. Im Dezember 2007 einigen sich Messner und von Kienlin vor dem Hamburger Landgericht auf einen Vergleich. „Im juristischen Sinn ist die Sache vom Tisch und erledigt“, sagt Max von Kienlin. Doch durch den Vilsmaier-Film wird die Geschichte wieder auf die Tagesordnung gebracht. „Messner ist ein Zugpferd, Vilsmaier wollte einen Film machen, der gut geht – und Reinhold kriegt seinen Glorienschein“, sagt von Kienlin. Er, Hans Saler, Gerhard Baur sowie Werner Haim und Jürgen Winkler, zwei weitere Überlebende, werden im Film „wohl aus juristischen Gründen“ nicht genannt: „Wir sind halt die Faulenzer im Basislager.“ Erwähnt werden nur verstorbene Teilnehmer – und deren Darstellung stört von Kienlin.

„Man lässt die anderen beiden Gipfelsieger schlecht wegkommen, und Herrligkoffer, der sicher kein einfacher Mensch war, wird als Berg-Hitler gezeigt. Da tut man ihm Unrecht.“ Von Kienlin findet, „dass es peinlich wirken könnte, wenn alte Männer ein Hauen und Stechen veranstalten über etwas, das in ihrer Jugend war“ – doch die Fronten sind nun wieder eröffnet. Hans Saler bringt parallel zum Start des Films ein neues Buch heraus („Gratwanderungen meines Lebens“), Max von Kienlins Meinung wird von NDR und „stern-tv“ angefragt, und das Herrligkoffer-Institut will mit den noch lebenden Expeditionsteilnehmern an die Öffentlichkeit gehen.

Günter Klein

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