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Das einstige Entführungsopfer Natascha Kampusch (l.) und Amelia Pidgeon (spielt die kleine Natascha) vor dem Mathäser Filmpalast.

Natascha Kampusch in München

Die stille Deutschland-Premiere von "3096 Tage"

München - Der beklemmende Film "3096 Tage", der das Schicksal von Natascha Kampusch erzählt, feierte am Dienstag in München Deutschland-Premiere. Die Protagonistin war auch anwesend, hielt sich aber mit Kommentaren zurück.

Was soll man schon sagen, wenn die Bilder der eigenen Lebenstragödie plötzlich wieder zu laufen anfangen? Wenn ­alles wieder lebendig, sichtbar und hörbar wird? Wenn sich die Tür zum Sechs-Quadratmeter-Verlies immer und immer wieder schließt – 3096 grausame Tage lang, die für die damals zehnjährige ­Natascha Kampusch genau am Samstag vor 15 Jahren begannen und mit ihrer Flucht am 23. August 2006 endeten. Was soll man also bei einer Filmpremiere am roten Teppich in München sagen, kurz bevor die acht grausamen Jahre des eigenen Lebens im Kino gezeigt werden? Nichts.

Natascha Kampusch (25) hat in den vergangenen Wochen für die Bewerbung des Films 3096 Tage ohnehin sehr viel gesagt – in Print­medien und im Fernsehen. Sie hat wissen lassen, dass manche Filmszenen Beklemmung bei ihr ausgelöst hätten, vor allem das Geräusch, wenn sich die Verliestüre schließt. Und dass dieses Gefängnis ihrer Kindheit ihre Gedanken immer noch blockiere, und dass sie am glücklichsten sei, wenn ihr die Friseurin die Haare macht. Sie hat auch zum ersten Mal über die sexuelle Gewalt ihres Entführers Wolfgang Priklopil gesprochen.

Natascha Kampusch hat alles gesagt. Viel mehr noch als in ihrer Autobiografie, wo sie letzte Intimitäten für sich behalten hat. Und so stellt sie sich am Dienstagabend bei der Deutschlandpremiere im Mathäser-Filmpalast in München still, aber tapfer den Fotografen und Kamerateams. Lächelt zaghaft, blickt den Menschen in die Augen, nickt der kleinen Schauspielerin Amelia Pidgeon (spielt die junge Natascha im Film) an ihrer Seite immer wieder aufmunternd zu. Bei der Welt­premiere in Wien am Vortag war Natascha Kampusch noch angespannter, in München wirkt sie sicherer, weiß, was sie erwartet.

Trotzdem sagt sie nichts. Und bleibt dabei sich selbst treu. Das Buch, den Film, die Medienkampagne, all das hat die 25-Jährige selbst gewollt. Hat sich nie in die Rolle des Opfers zwingen lassen. Weder im Verlies, noch später in Interviews. Auch am roten Teppich bleibt sie bei sich. In Wien, gestern Abend in München, heute in Berlin.

Zur Deutschlandpremiere begleitet sie auch Unternehmer Johannes ­Erlemann, der als Elfjähriger im März 1981 in Köln entführt und in einer Kiste vergraben worden war. Er ist ihr Vertrauter, seit sie ihn in der Talkshow von Günther Jauch kennengelernt hatte. „Der Film ist ein großer Schritt für Natascha“, sagte er am Abend.

Die 3096 Tage zu spielen – für die Darsteller eine große Herausforderung. „Wir hatten alle eine große Verantwortung zu tragen“, sagte Schauspielerin Antonia Campbell-Hughes, die in die Rolle der großen Natascha schlüpfte. „Das Endergebnis macht mich aber glücklich. Wir haben es geschafft, Nataschas Überlebenswillen zu zeigen.“ Für Priklopil-Darsteller Thure Lindhardt waren die Dreharbeiten „intensiv und knallhart. Wir haben versucht, diese wahre, oft dunkle Geschichte mit soviel Respekt wie möglich zu drehen.“

Bernd Eichinger arbeitete am Drehbuch von 3096 Tage, als er plötzlich starb. Mitproduzent Oliver Berben sagte in München: „Der Film ist ohne Bernd anders geworden, als mit ihm. Aber er wäre sicher stolz.“ Der Film solle Mut machen: „Es ist eine Helden-Geschichte. Die eines Mädchen, das es schafft, sich aus den Fängen seines Peinigers zu befreien.“

Für die Regisseurin des Films, Sherry Hormann, war es der schwierigste Film ihrer Karriere: „Ich hatte viel Verantwortung zu tragen – für Natascha, für die Schauspieler und für die Geschichte.“ Trotz allem habe der Film alle stärker, angstfreier gemacht. „Wir haben gemerkt, was für eine wahnsinnige Kraft Natascha Kampusch gehabt haben muss. Die Kraft, diesen Kampf zu gewinnen.“

Model Alena Gerber hatte wie viele Gäste ein wenig Bammel vor dem Film: „Die Geschichte ist echt und schlimm. Ich habe gemischte Gefühle.“ Ähnlich erging es Manfred Krug: „Das Thema ist irre schwierig, aber wichtig.“ Schauspieler Elyas M’Barek zeigte sich neugierig: „Ich bin gespannt, ob man mehr erfährt.“ Am Ende blieben die meisten Gäste wie Max von Thun, Ellen Schwiers, Regisseur Dominik Graf mit Caroline Link nach 109 Minuten sprachlos und betroffen zurück. Still ging der Abend zu Ende.

Nur eine wird heute wieder tapfer reden: Natascha Kampusch – bei einem Pressegespräch im Hotel Bayerischer Hof.

U. Schmidt/ A. Wille

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