Nathan mit Strubbelbart

- Paris in den frühen 60ern. Man schaut dem 13-jährigen Moise zu, wie er zu Radiomusik selbstvergessen in der Wohnung tanzt, sich sein bestes Hemd anzieht und Aftershave auflegt, um die Straßenmädchen in seiner Rue Bleue zu beeindrucken. Und irgendwann wird er mit seinem offenen Charme ihr Liebling. Alles beginnt in den ersten Minuten wie eine nostalgische Zeitreise: Töne und Mode längst vergangener Jahre dominieren, ja fast scheint deren Geruch und Geschmack wahrnehmbar.

<P>Ein sanfter Humor durchzieht alles, sogar noch, wenn Moise beim Händler um die Ecke eine Weinflasche klaut, was der längst bemerkt, aber stillschweigend geschehen lässt. Doch die heitere Atmosphäre wird getrübt: Moise lebt allein mit seinem Vater, und der bemerkt die Liebe seines Sohnes nicht, ist unnahbar und hart. Eher scheint der Sohn sich um den Vater zu kümmern als umgekehrt. Auch ist zu wenig Geld da, was der Grund ist, warum Moise klaut.</P><P>Traumauftritt für Omar Sharif</P><P>Pierre Boulanger (15) spielt diesen Jungen mit für sein Alter unglaublicher Präsenz und Präzision. Und nur ein solcher, aus dem Nichts auftauchender Jung-Darsteller ist in der Lage, dem Star Paroli zu bieten. Denn Omar Sharif ist Monsieur Ibrahim, der persische - moslemische - Ladenbesitzer, mit dem sich der jüdische Moise anfreundet und der für ihn zum Ersatzvater wird. Wie das geschieht, voller Zartheit und gelassener Ruhe, ist wunderschönes Kino.</P><P>Regisseur Francois Dupeyron gelingt es, mit "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" die unaufdringliche Atmosphäre des Romanbestsellers von Eric-Emmanuel Schmitt auf die Leinwand zu bringen. Für Sharif ein Traumauftritt: Eine Art Nathan der Weise, der mit Strubbelbart und Zahnlücken, mit lächelnder, alles Unbill relativierender Melancholie von den Botschaften des Korans erzählt, den er wahrscheinlich nie gelesen hat. Mit seiner versöhnlichen Botschaft könnte der Streifen leicht zum Rührstück werden, doch Dupeyron betont immer wieder die kleinen Brüche, das Bittersüße seiner Geschichte. Und durch Omar Sharifs Gesicht hindurch erblickt man noch einmal seine großen Rollen in "Doktor Schiwago" und "Lawrence von Arabien", auch die Spieler und zwielichtigen Orientalen, die er zwischen und nach solchen Höhepunkten spielen musste. All das fließt in diesen Auftritt ein, macht Altersweisheit wie Melancholie plausibel und rundet "Monsieur Ibrahim" zu einem bezaubernden kleinen Film, der trotz aller Sentimentalität nie kitschig wird. (In München: Mathäser, Filmcasino, Maxx, Atelier, Cinema i.O., Theatiner i.O.)</P><P>"Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran"<BR>mit Omar Sharif, Pierre Boulanger, Isabelle Adjani<BR>Regie: Francois Dupeyron<BR>Hervorragend</P>

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