Die Natur spricht

- In gewisser Weise ist "Schneeland" eine Anti-"Lindenstraße": Nach wenigen Einstellungen wird deutlich, dass Regisseur Hans W. Geißendörfer ganz bewusst behäbige Fernsehbilder vermieden hat in seinem neuen Spielfilm. Zehn Jahre beschäftigte er sich ausschließlich mit seiner "Lindenstraße" und suchte parallel seit seinem letzten Kinofilm "Justiz" nach einem geeigneten Roman zur Adaption. In der emotionalen Wucht des Werks der schwedischen Autorin Elisabeth Rynell hat er denn seine Drehbuchvorlage gefunden.

<P>Und rasch ist klar, was Geißendörfer an Rynells gleichnamiger Geschichte so faszinierte: das Nicht-Lindenstraßige, die deutliche Distanz zu allem Deutschen, zum kleinbürgerlichen Mikrokosmos und zur nachbarschaftlichen Geschwätzigkeit.</P><P>In "Schneeland" sind die Figuren wortkarg. Die Natur spricht für sie. In eine moderne Rahmenhandlung eingebettet erzählt Geißendörfer Rynells Fabel vom braven schwedischen Bauernmädchen Ina (Julia Jentsch), die in den Dreißigerjahren, fernab des nächsten Ortes, mit ihrem gewalttätigen, buckligen Vater (Ulrich Mühe) allein einen Hof bewirtschaftet. Das Leben ist karg und entbehrungsreich. Die Sommer sind kurz und kaum spürbar, die Winter dafür lang, dunkel und voller Mühsal. In diese Ödnis tritt eines Tages der Pferdehirte Aaron (Thomas Kretschmann), der das Leben der jungen Ina völlig auf den Kopf stellt.</P><P>Geißendörfers "Schneeland" ist alles andere als ein schlichtes Comeback. Kraftvoll dröhnt die Musik, bombastisch sind die von Kameramann Hans Günther Bücking so beeindruckend eingefangenen Naturgewalten. Die vorgestellte, sehr archaisch anmutende Geschichte um Liebe und Tod, Sünde, Sühne und Vergebung entfaltet schnell eine soghafte Wirkung auf den Zuschauer. Die Darsteller sind vorzüglich, allein Ulrich Mühe als widerwärtiger Tyrann findet nicht recht hinein in diese enge Welt des verschneiten Landes. Sein Spiel ist zu viel, zu laut zu sehr Rampensau-Theater für einen Kinofilm, der ansonsten ganz still, leise und unprätentiös sein will.</P><P>"Schneeland"<BR>mit Ulrich Mühe, Maria Schrader, Julia Jentsch<BR>Regie: Hans W. Geißendörfer<BR>Sehenswert </P>

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